Ausstellung

Eine revolutionäre Werkstatt

Der Martin-Gropius-Bau zeigt Ideen des „russischen Bauhaus“

Ein sichelförmiges „Gemeinschaftshaus“, das verwinkelt in den Himmel ragt. Wie eine Schlingpflanze windet sich die Spitze des Daches um die eigene Achse nach oben. Auf den unterschiedlichen Etagen des rankenartigen Gebildes befinden sich weitere Häuser. Ein Bauwerk, wie man es nur aus Wunschträumen oder Science-Fiction-Filmen kennt.

Die Wchutemas sammelte solch schräge Ideen. Die Lehranstalt wurde 1920 in Moskau gegründet und war eine legendäre Kunstschule der Moderne. In acht unterschiedlichen Fakultäten beschäftigten sich die Studenten mit Holz, Metall, Textil und auch Malerei, Skulpturen und Druckgrafiken. Dabei wurden sie von bekannten Avantgarde-Künstlern wie Nikolai Ladowski, Wassily Kandinsky oder Alexander Rodtschenko unterrichtet. Wchutemas, dem „russischen Bauhaus“, widmet sich jetzt erstmals eine Ausstellung in Deutschland, die einen Ausschnitt aus dem Wirken von Wchutemas liefert. Es ist der Martin-Gropius-Bau, der Einblick in 250 Arbeiten der sowjetischen Avantgarde gibt.

Die Skizze von Wladimir Krinsk zum Beispiel zeigt einen Entwurf von einer „Kathedrale der Völkerverständigung“. Es ist ein öffentliches Gebäude, das nur aus übereinandergelegten Quadraten und Dreiecken besteht, ähnelt einer Star-Wars-Kulisse. Für die Studenten der Wchutemas schien alles möglich. Sie wollten die Architektur erneuern und eine neue Gesellschaft schaffen. Ihr Leitsatz: „In der Architektur müssen Wunder geschaffen werden“. Ob die Projekte realisierbar waren, spielte keine Rolle. Altes und Neues wurde munter miteinander kombiniert. Die Wohnhäuser gleichen römischen Villen und Palästen, Zeitungskioske einem fernöstlichen Fachwerk mit segelförmigen Dächern. Auf unterschiedliche Weise beschäftigten sich die Studenten mit Moskaus Problemen und entwarfen Modelle für neuen Wohnraum, öffentliche Plätze, oder Denkmäler.

Trotz des russischen Bürgerkriegs entwickelte sich eine revolutionäre Werkstatt. Die Vertreter von Bauhaus und Wchutemas verfolgten ähnliche Ziele. Beide waren mit der Avantgarde in ganz Europa vernetzt, doch die sowjetische Kunstwerkstatt ist in Vergessenheit geraten. Dass sich die meisten Projekte nicht in die Praxis umsetzen ließen, war ein großes Problem für die stalinistische Politik. Die Wchutemas musste Platz machen für planwirtschaftliche Konzepte und wurde geschlossen. Viele Archive sind nicht erhalten geblieben. Erste Blicke in das künstlerische Leben konnten nun rekonstruiert werden.

WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne, bis 6. April 2015, Martin-Gropius-Bau, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 bis 19 Uhr