Neue Töne

Jetzt wird abgerechnet

Sebastian Zabel über seine Alben des Jahres

Ich möchte meine kleine Rückschau auf 2014 in zwei Hälften teilen, eine weibliche, eine männliche. Das ergibt dann ein vorbildlich quotiertes Bild des Jahres, mit einer Handvoll CDs, Downloads oder Schallplatten, die tatsächlich das Zeug dazu haben, zu überdauern.

FKA Twigs habe ich in dieser Kolumne bereits gelobt. Das schlicht „LP1“ betitelte Album weist in die Zukunft der Popmusik: der kühle, abstrakte, elektronische Soul der 24-jährigen Tahliah Barnett aus dem beschaulichen Gloucestershire, die als FKA Twigs grobe Schnürstiefel zu feenhaften Kleidern trägt und mit kristallklarer Stimme obszöne Texte singt, ist den Entwürfen ihrer männlichen Kollegen weit voraus. Ähnlich gut war im ablaufenden Jahr das Comebackalbum einer Grand Dame der britischen Popmusik: Neneh Cherry, manchen noch bekannt als Sängerin von 80er-Jahre-Hits wie „Buffalo Stance“ oder „Manchild“, beendete mit ihrem „Blank Project“ völlig überraschend eine jahrelange Auszeit. Perkussiv, melodiös, risikofreudig.

Ähnlich unprätentiös klingt ihre mühelose, moderne Version eines an HipHop und R&B geschulten urbanen Sounds. Die dritte tolle Frau des Jahres heißt Annie Clark, nennt sich St. Vincent, wenn sie mit Gitarre und Band auf der Bühne steht, und spielt eine Art Neo-New-Wave. Man muss sich das zierliche Gesamtkunstwerk mit den kreischend hellblauen Augen als Mischung aus Prince und David Bowie vorstellen, ihr viertes, selbstbetiteltes Album als Parforceritt durch schroffe Gitarrenriffs und elegische Keyboard-Melodien. Live ist Annie Clark, sind St. Vincent als Band, übrigens umwerfend!

Ganz anderes Kaliber: Sharon Van Etten, US-Songwriterin, leicht depressiv, Jeansjackenträgerin mit verwehter Stimme und coolen, nach Wüste und Weite klingenden Songs. Ab und an pluckert ein kleiner Drumcomputer, aber alles andere ist handgemacht, vom beherzten Gitarren-Twang bis zur heulenden Hammond-Orgel. Auf ihrem vierten Album, „Are We There“, besingt Van Etten den grausamen Alltag der Liebe

Fünfte Frau des Jahres sind vier Frauen aus Los Angeles. Warpaint heißt die Band, genau wie ihr gleich zu Beginn des Jahres erschienenes Album, dessen Melodien und Rhythmen herrlich frei mäandern und die so etwas wie ein modernes Modell dessen darstellt, was man mal Rockband nannte.

Nun zu den Männern. Die ja schon immer die Popkultur dominieren, aber 2014 ein bisschen alt aussahen. So blicken zwei große britische Songschreiber mit fortschreitenden Stirnglatzen zurück auf die Tage ihrer Jugend als Popstars. Der eine, Ben Watt, war die Hälfte des Duos Everything But The Girl, der andere, Roddy Frame, Chef der wunderbaren Popband Aztec Camera. Ihre Alterswerke – nun, die Herren sind über 50 – „Hendra“ und „Seven Dials“ sind von einer wissenden Leichtigkeit, von einer selbstbewussten Melancholie, die keinen Raum lässt für Geseufze, Gejammer , Gockelei.

Zwei etwas jüngere Herren sind jedoch für die beiden besten Männerplatten 2014 verantwortlich: Joseph Mount aus Brighton und Mark Kozelek aus Ohio. Ersterer macht mit seiner Band Metronomy („Love Letters“) die eleganteste und zugleich bewegendste Popmusik unserer Tage – in zweierlei Hinsicht: Anrührend intime Texte treffen auf sacht groovende Musik. Bei ihrem furiosen Konzert Anfang Dezember in der Columbiahalle überzeugte nicht nur die ungemein geschmackvolle Bühnengarderobe, auch wurde klar wo Metronomy ihre Wurzeln haben: bei den frühen Roxy Music. Es lebe die Dekadenz! Ganz anders das Bandprojekt des scheuen Amerikaners Kozelek. Unter dem Namen Sun Kil Moon hat er ein karg instrumentiertes Songwriter-Doppelalbum („Benji“) aufgenommen, dessen Textgewalt es mit großen amerikanischen Geschichtenerzählern wie Raymond Carver aufnehmen kann – düster, schmerzhaft präzise und ein bisschen selbstironisch. Nummer Fünf im Männerbund ist der Kanadier John Southworth, ebenfalls ein begnadeter Songwriter mit Doppelalbum („Niagara“), außergewöhnlich gut erzählten Geschichten und einer Musik, die nach den Music Halls der 30er Jahre klingt. Völlig unerwartet ist das Außenseiter-Großwerk von den Kritikern des deutschen „Rolling Stone“ zum Album des Jahres gewählt worden. Die amerikanischen Kollegen wählten indes U2.

Der Autor ist Chefredakteur des „Rolling Stone“ und lebt in Berlin