Ausstellung

Die Venus als Marke

Das wird 2015 der Blockbuster in Berlin: Die Gemäldegalerie zeigt Sandro Botticellis Einfluss auf Mode, Kunst und Werbung

Lady Gagas Job ist es, sich immer wieder neu zu erfinden. Und weil das nicht leicht ist, lässt sie sich für ihre Kostüme und Showeinlagen von der Kunst inspirieren. Für ihr Album „Artpop“, das sie im vergangenen Jahr im „Berghain“ vorstellte, verwandelte sie sich in eine schrille Venus, folgerichtig heißt auch ein Song „Venus“. Eine Anspielung auf das Bild „Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli. Die schönste Frau der Kunstgeschichte, eine Ikone der italienischen Renaissance. Gemalt zwar schon um 1480, das Motiv aber ist zeitlos. Nicht nur „Sex sells“, sondern auch Liebe, Schönheit und Grandezza lassen sich gut vermarkten im Showbiz. Rubens üppige Frauen haben es da nicht soweit gebracht.

Botticellis Venus ist eine nackte Beauty in einer im Wasser schaukelnden Muschelschale in XXL, nichts als die langen, blonden Haare umwehen sie. Das ist ziemlich anmutig, aber kaum frivol. Nicht so bei Pop-Art-Meister Jeff Koons, er gestaltete das Artpop-Album und platzierte also eine pralle Gaga-Venus auf dem Cover, im Hintergrund sind Fragmente des historischen Botticelli-Gemäldes sichtbar. Genau diese Versatzstücke ließ sich die Pop-Queen dann auf ein hautenges Kleid drucken. Mit der auftoupierten blonden Flatterhaar-Perücke inszenierte sie sich als Renaissance-Vamp.

Auch die Werbung hat längst erkannt wie stilprägend so eine Ikone der Kunst für unsere Ästhetik ist. Das Luxuslabel Bulgari ließ Schaufensterläden im „Primavera“-Look dekorieren. Neben der Venus eines der bedeutendsten Gemälde Botticellis.

Das brachte das Ausstellungsteam um Stefan Weppelmann in der Gemäldegalerie auf die Idee, einmal auch Botticellis Einfluss auf Künstler der Gegenwart zu untersuchen. Der Meister als Marke. Das Schöne ist: So erfrischend und aktuell wurde das Thema Botticelli noch nie aufbereitet. Das Konzept für „The Botticelli-Renaissance“ steht. Im September 2015 soll die Schau am Kulturforum eröffnet werden.

250.000 Besucher werden erwartet

Botticelli dürfte wieder ein Kassenschlager werden, ähnlich wie vor drei Jahren schon die großartigen „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum. Mit rund 250.000 Besuchern war der Blockbuster die erfolgreichste Schau des Jahres 2011. Das übertraf selbst die Erwartungen der Ausstellungsmacher, die mit rund 200.000 Kunstfans gerechnet hatten. Auch bei Botticelli ist wohl das Ziel mit 250.000 Besuchern nicht zu hoch gesteckt, zumal die Schau eben nicht nur für Bildungsbürger aus dem Kunstgeschichtssofa gedacht ist, sondern auch jene im Umfeld von Lifestyle und Mode. Die Lottostiftung bezuschusst das Projekt mit 500.000 Euro. Tatsächlich ist die Botticelli-Ausstellung aus den „Gesichtern der Renaissance“ hervorgegangen. Die Ausstellungsmacher um Stefan Weppelmann sind die gleichen. Damals war den Kuratoren aufgefallen, wie unterschiedlich manche Bildnisse ausfielen, nicht unbedingt konnte man den Stil Botticellis ableiten. So fing man an, sich mit den einzelnen Figuren des Italieners zu befassen – und landete bei den Recherchen prompt in der Gegenwart.

Der Untertitel „Botticelli 2015–1445“ beschreibt eine ungewöhnliche Ausstellungsreise rückwärts: Sie fängt in der Gegenwart an und schlägt dann den Bogen zurück in die Kunstgeschichte. Im Internet ist der Bildereigen schon zu betrachten: Rineke Dijkstras Fotoserie „Beach Portraits“ von 1992 zeigt Mädchen am Strand in der etwas ungelenken Pose von Botticellis scheuer Venus, im Hintergrund das Meer. US-Fotograf David LaChapelle treibt die Meerschaumjungfer in die zuckrige Verfremdung. „Rebirth of Venus“ ist ein ziemlich hedonistisches, rauschhaftes Paradies, Venus hat Siliconbrüste und auch sonst ist man mit dem eigenen Körper beschäftigt. Ein Glücksversprechen ist das nicht, dort möchte man nicht wirklich landen.

Das Prinzip Botticelli funktioniert einfach: Durch das Original werden die Performance oder die Produkte „veredelt“. Die Venus steht nicht für Pornografie oder bloßen Sex, sondern für eine sehr reine Gestalt. Als Kunstwerk aus der Renaissance kommt sie ja aus der Hochkultur und erzeugt eine gewisse Hochwertigkeit.

Über 150 Werke werden zu sehen sein, Gemälde, Grafiken, Fotos, Video, Zeichnungen und auch Kleider. Bestimmte Posen, florale Muster, fließende Stoffe – in der Modewelt ist vieles vom malerischen Botticelli-Universum inspiriert. 40 Meisterwerke des Künstlers sollen ausgestellt werden, darunter Leihgaben großer Museen wie Uffizien, National Gallery und Metropolitan Museum. Das Berliner Kupferstichkabinett besitzt den feinen Bilderzyklus der „Göttlichen Komödie“ von Dante, die Gemäldegalerie wird einige Blätter präsentieren. Botticelli werden heute etwa 400 Werke zuerkannt.

Acht Botticellis gehören in den Bestand der Gemäldegalerie.

Dass Botticelli eine so moderne Aufwertung erfährt, sei ein Phänomen, erzählt Kurator Weppelmann. Der Florentiner geriet nach seinem Tod in Vergessenheit, wurde erst im 19. Jahrhundert durch die Präraffaeliten und Edgar Degas wiederentdeckt. Lady Gagas Venus wird in Erinnerung bleiben.

Tickets und Führungen sind schon jetzt buchbar unter: smb.museum/botticelli/tickets-und-fuehrungen