Fernsehen

Junge Hüpfer und alte Hasen im Erfurter „Tatort“

Ihr zweiter Fall führt die Kommissare ins Rotlichtmilieu

Wer spricht denn bitte so? Wer sagt zum Beispiel, jedes Wort einzeln betonend wie in einem Deutsch-als-Fremdsprache-Kurs: „Ich werde veranlassen, dass ihr mehr Leute bekommt, damit wir ihn rund um die Uhr observieren können“? Oder auch: „Sie wundern sich sicher, dass ich Sie gebeten habe, so spät noch bei mir vorbeizukommen“? So stocksteif spricht man nur im Erfurter „Tatort“, der auch sonst derart hölzern daherkommt, dass man sich Sorgen um Thüringens Waldbestände machen muss.

Es geht um alte Rechnungen in diesem Krimi. Timo Lemke (Werner Daehn) war Rotlichtkönig im wilden Erfurt und sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Damals wurde er wegen Menschenhandels und Totschlags verurteilt – ein Ermittlungserfolg der Kriminaldirektorin Petra Fritzenberger (Kirsten Block) und des Kriminaldirektors Volker Römhild (Christian Redl). Lemke hat nicht mehr viel an Strafe abzubüßen, nur ein paar Monate noch. Trotzdem flieht er, als er auf einem Freigang die Beerdigung seines Vaters besucht. Dabei erschießt er einen Beamten. Man weiß nicht recht, warum.

Dubiose Gestalten

Jetzt ist natürlich die Frage, ob Lemke auf Rache sinnt. Es sieht jedenfalls alles danach aus, denn Fritzenberger wird im Fahrstuhl ihres Wohnhauses überfallen, mit einer Ketamin-Injektion betäubt und in ein Kellerloch verschleppt, wo sie, mit Kabelbindern gefesselt, bis auf Weiteres von den Ermittlungen abgehalten wird. Die jungen Kommissare Funck, Schaffert und Grewel (Friedrich Mücke, Benjamin Kramme und Alina Levshin) nehmen Witterung auf. Sie stoßen auf den bärbeißigen Jochen Berner, der ein Stacheldrahttattoo am Handgelenk trägt und den sie wie zur Strafe im Verhör mit ihren bürokratischen Phrasen foltern: „Herr Berner, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, dann kann sich das positiv auf Ihr Strafmaß auswirken! Ihre Glaubwürdigkeit wird der Richter nicht als sonderlich hoch einstufen!“ Wer Bordellbetreiber so verhören will, der kann es auch gleich mit der nächsten Parkuhr versuchen.

Dann gibt es da noch einige andere dubiose Gestalten. Da ist zum einen der ehemalige Polizist Ingo Konzack (Oliver Stokowski), der damals Bestechungsgelder von Lemke genommen haben soll und jetzt bei einer Sicherheitsfirma arbeitet. Er bestreitet bis heute seine Schuld. „Es gab doch damals jede Menge Beweise“, sagt der alte Kriminaldirektor ein wenig zu offensichtlich. Und zum anderen ist da die mysteriöse Nachtclubbesitzerin Nadine Schuricke (Franziska Petri), die mit allen Beteiligten in Verbindung steht.

Es ist nach über einem Jahr der zweite Fall für die jungen Ermittler aus Erfurt, die immer ein wenig wie Grünschnäbel wirken. Man muss den Drehbuschreibern zwar dankbar dafür sein, dass man ihnen den zwanghaft jugendlichen Jargon ausgetrieben hat – niemand sagt hier mehr „krass“, „fuck“ oder „bombe“. Aber muss man sie gleich zu blutleeren Textaufsagern umrüsten?

ARD Tatort, heute, 20.15 Uhr