Literatur

Ansichten eines Strippenziehers

Mit Wahlkämpfen und Kultur kennt er sich aus: Peter Radunski hat seine Autobiografie veröffentlicht

Er bewundert Rudi Dutschke noch heute, hat für Helmut Kohl die Wahlkämpfe organisiert, für Berlin die Hauptstadtentscheidung gerettet und mit Claus Peymann einen der erfolgreichsten Theaterintendanten der Stadt verpflichtet. Ein Leben auf den verschiedensten politischen Bühnen. Nicht als Hauptdarsteller, sondern in der Nebenrolle, in dieser allerdings ganz vorn in der zweiten Reihe. In der politischen wie künstlerischen Szene gilt er bis heute als einer der begnadetsten Strippenzieher. Gerade 75 Jahre alt, aber von unveränderter geistiger Frische und nicht nachlassender Wuseligkeit blickt Peter Radunski auf sein Leben zurück. In dem hat er sich zum Bundesgeschäftsführer der CDU hochgearbeitet, später war er im Diepgen-Senat Senator erst für Bundesangelegenheiten (1990 bis 1995), danach für Wissenschaft, Forschung und Kultur (1996 bis 1999).

„Du musst viel tun“

„Aus der politischen Kulisse“ heißt sein politisches Lehrbuch, das Hintergründe wichtiger politischer Entscheidungen erst in Bonn, dann in Berlin aufhellt. Da schreibt ein Parteimensch voller Herzblut weit über alle Parteigrenzen hinweg. Er erzählt, wie er 1939 als uneheliches Kind geboren wurde – zu Zeiten, als dies, anders als heute, für Mutter und Kind nicht gerade leicht war. Glück im Unglück, dass seine Mutter später einen Mann fand, der die Vaterschaft anerkannte. Doch noch vor der Hochzeit mit dem möglichen Stiefvater fiel dieser im Krieg. Ähnlich wie die Nachkriegskinder Gerhard Schröder oder Horst Köhler ist auch Peter Radunski in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen und hat – wie so viele andere dieser Generation – erkannt, dass der Weg von ganz unten nach ziemlich weit oben nur über die eigene Leistung führt. „Du musst viel tun, wenn du was erreichen willst! – Mein Leben lang war dieser Gedanke in mir.“ Erstaunlich, dass ausgerechnet er, der im Ring Christlich Demokratischer Studenten an der Freien Universität die ersten politischen Strippen zu ziehen lernte, Rudi Dutschke geradezu verehrt.

Was er am Anführer der Studenten-Rebellion der 68er bewunderte, der für ihn Vorbild, Lehrmeister und Motivator gewesen sei? „Von allen politischen Akteuren, die ich in meiner Jugend beobachtete, beeindruckte mich Rudi Dutschke am meisten mit seiner politischen Kraft. Das war wohl jenes Charisma, das Max Weber meinte, wenn er von der außergewöhnlichen Rednergabe von Propheten, Kriegsführern, Demagogen oder Politikern sprach, die Autorität ausüben.“ Politisch habe Dutschke ihn nicht überzeugt, „aber das bedingungslose Engagement seiner Persönlichkeit habe ich nie vergessen“.

Und daraus für seine spätere Parteiarbeit als Leiter der Hauptabteilung Öffentlichkeitsarbeit und dann als Bundesgeschäftsführer im Bonner Konrad-Adenauer-Haus eine Lehre gezogen. „Bis heute habe ich meine Schwierigkeiten mit einer Politik ohne Emotionen, ohne dabei rationale Ansätze zu unterschätzen.“ Etwa ein Seitenhieb gegen Angela Merkel?

Seinen bis heute gültigen Ruf als „erfolgreichster Wahlkampfmanager, den die CDU je hatte“, so ein Urteil des „Spiegels“, verdankt Peter Radunski dem damaligen CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf. „Im Herbst 1974 gab Biedenkopf mir den wohl wichtigsten Rat meines politischen Lebens: Es sei nun an der Zeit, dass ich nach Amerika ginge, um dort Wahlkampf zu studieren.“ Das Spionieren hat sich gelohnt.

Von Biedenkopfs Nachfolger Heiner Geißler zum Bundesgeschäftsführer befördert und fortan für das organisatorisch-konzeptionelle Management der Bundestagswahlen verantwortlich, hat er für seinen Parteichef Helmut Kohl und die CDU bis 1989 bei Bundestags-, Landtags- und Europawahlen große Erfolge mit eingefahren, so auch in der ersten freien gesamtdeutschen Wahl 1990.

In den letzten Jahren als Kultursenator, die er zu den schönsten seines beruflichen Lebens zählt, musste er den Spagat aushalten, Sparauflagen gerecht zu werden, ohne Kultureinrichtungen zu schließen. Auch dieser letztliche Erfolg ein Stück Berliner Geschichte mit Wirkung bis in unsere Tage, die sich nachzulesen lohnt. Einschließlich des Anfangsspottes von Claus Peymann, bevor Radunski ihn aus Wien für das Berliner Ensemble gewann. Im österreichischen Fernsehen lästerte Peymann zunächst noch über die Berliner Kultur und den wohlbeleibten, eher kleinwüchsigen Senator mit Schnauzbart: Da säßen die kulturellen Bosse vor Radunski wie vor einem „Zigeunerbaron“ und tränken Rotwein mit ihm. Der Herr Senator reagierte originell und versöhnlich zugleich. „Ich versuchte in Berlin, einigen Journalisten gesanglich vorzuführen, was für eine Prachtfigur der Zigeunerbaron in der Operettenliteratur doch sei: Das alles auf Ehr, das kann ich und noch mehr …“

Peter Radunski: Aus der politischen Kulisse. B&S Siebenhaar, 352 Seiten, 24,80 Euro.