Konzertkritik

Simon Rattle müht sich bei Widmanns „Trauermarsch“

Schwerstarbeit in der Philharmonie.

Spontane Schultermassage für den Dirigenten. Yefim Bronfmans bärigen Solistenpranken graben sich tief in Simon Rattles Nacken. Jörg Widmanns „Trauermarsch“ scheint für Verspannungen gesorgt zu haben. Kein Wunder bei diesem Werk. Ein gigantischer Brocken für Klavier und spätromantisch besetztes Orchester ist es geworden. Eine ausufernde Rhapsodie, die vor übervirtuosen Gemeinheiten und psychoakustischen Schockeffekten nur so wimmelt. Zwar strömen zuweilen auch ätherische Schwebeklänge und intime Schnörkel aus Widmanns Feder – doch Erholungen sind das nicht. Denn immer wieder braust sich das Unheil blitzschnell zusammen. Es knarrt und knirscht teuflisch. Pianist und Philharmoniker wirbeln von einer Orgie in die nächste.

Sehr viel seelengepeinigter Gustav Mahler steckt in diesem „Trauermarsch“. Und vor allem ein allgegenwärtiges Brahms-B-Dur-Klavierkonzert, das mal hintergründig brodelt, mal heftig hervorspritzt. Widmann zitiert es niemals direkt, und doch steht es im Zentrum aller Auseinandersetzungen. Yefim Bronfman wirkt wie der ideale Pianist für dieses Werk. Ob feinste Pianissimo-Perlen oder monströse Akkordlawinen, ob bissige Attacken oder weiche Schmeicheleien – der hünenhafte Amerikaner bleibt stets souverän. Man fragt sich nur, warum Widmann den Titel „Trauermarsch“ für dieses Auftragswerk der Philharmoniker gewählt hat. Denn die gut 25-minütige Komposition ähnelt über weite Strecken einem Horrorthriller.

Angesichts dieser spektakulär unterhaltsamen Uraufführung gerät der übrige Abend fast zur Nebensache. Richard Wagners „Tristan und Isolde“-Vorspiel zu Beginn schmachtet recht ernst und feierlich. Rattles wacher, konzentrierter Zugriff sorgt dafür, dass weder Philharmoniker noch Zuhörer in Träume versinken. Es ist ein detailscharfer Wagner voller geistreich artikulierter Fingerzeige.

Noch didaktischer mutet Sibelius’ 5. Sinfonie nach der Pause an. Rattle entzieht dem Werk alles Pathetische. Er präsentiert einen struppigen Sibelius. Er betont die herben Brüche der Partitur, die quälenden Selbstzweifel des finnischen Komponisten. Seltsam unfertig wirkt diese Fünfte unter Rattle. Sibelius’ „Schwan von Tuonela“ gleitet dagegen umso vollkommener dahin. Rattle hat dieses Paradestück für Englischhorn und melancholisch webendes Orchester kurzentschlossen ins Programm genommen. Solist Dominik Wollenweber ragt links neben den Hörnern. Er schwingt dunkelschillernde, endlose Kantilenen durch Raum und Zeit. Diese magischen Minuten wecken Sehnsucht. Sehnsucht nach dem nahenden Sibelius-Jahr 2015.