Theater

Bitte auf die Couch!

Sigmund Freud lässt grüßen: Jette Steckel inszeniert Schnitzlers „Das weite Land“

Ein Selbstmord zum Beginn, ein Duell zum Finale. Zwei Tote, etliche Gefühlsleichen. Willkommen bei Arthur Schnitzler. Jette Steckel hat dessen 1911 uraufgeführtes, auf Spielplänen immer wieder auftauchendes Stück „Das weite Land“ jetzt am Deutschen Theater (DT) inszeniert. Und damit gewissermaßen eine Variante zu Ibsens „Die Frau vom Meer“ geschaffen, die erst vor wenigen Wochen an selber Stelle herauskam. Es geht um Lebensentwürfe, Liebe, Treue, Freiheit, um das gemeinsame Zusammenleben. Es sieht fast so aus, als wollte das DT in dieser Saison Eheleuten den Weg zum Paartherapeuten ersparen.

Nur langsam verzieht sich der Rauch, der aus einer abgefeuerten Pistole stammen könnte. Auf der von Florian Lösche gestalteten Bühne dreht sich ein riesiger Berg, der aus zusammengeschobenen und aufeinandergestapelten Sofas besteht. Die Couch, der Inbegriff von bürgerlicher Rückzugsmöglichkeit und Ruhe, sie bietet keinen bequemen Platz mehr, keinen Halt.

Genia, bei Maren Eggert eine etwas unterkühlte, ihre Lebenshoffnungen auf ihr Kind projizierende Frau, will das nicht so recht wahrhaben. Sie serviert Tee für zwei auf der Couch, obwohl sie weiß, dass sie ihn allein trinken wird. Ihr Mann Friedrich Hofreiter ist noch auf der Beerdigung des jungen, hochbegabten russischen Pianisten. Dessen letzter Besuch führte ihn in die Villa des Fabrikanten, aber eigentlich wollte er nicht Hofreiter sehen, sondern dessen Frau. Genia aber ließ ihn abblitzen, wollte ihren untreuen Mann nicht verlassen. Der dankt es ihr, indem er ihr vorhält, sie habe den Tod des Musikers auf dem Gewissen, weil sie sich nicht auf seine Avancen einließ.

Felix Goesers Hofreiter ist ein testosterongetränkter Kraftbolzen, nicht sonderlich charmant, aber sehr erfolgreich. Eigentlich ist er vom Leben gelangweilt, betrachtet es als Spiel. Als er sich an die 20-jährige Erna ranmacht, die bei Anna Drexler als einzige Figur Lebensfreude versprüht, ist es ihm egal, dass er damit seinen besten Freund bitter enttäuscht. Es ist der Augenblick, an dem Doktor Franz Mauer, bei Ulrich Matthes ein distanziert beobachtender Mensch, um Selbstbeherrschung ringen muss.

Der Regisseurin gelingen tolle Bilder wie die Liebestour in die Dolomiten, bei der Hofreiter und Erna den Couch-Berg mit seinen Schluchten und Höhlen turtelnd durchwandern. Die Regisseurin blendet am Ende dieser Szene auf die Parallelhandlung: Genia, durch ihren Mann zur Untreue aufgefordert, amüsiert sich ebenfalls auf einer Couch mit dem jungen Otto (Ole Lagerpusch).

Dass das Bühnenbild seine Tücken hat, musste Schauspielerin Katrin Klein erfahren, die sich kurz vor der Premiere bei einem Sturz so schwer verletzte, dass die Kollegin Natali Seelig für sie einspringen musste.

Bevor Jette Steckel sich dem „Weiten Land“ gewidmet hat, hat sie am Hamburger Thalia Theater „Die Tragödie von Romeo und Julia“ inszeniert. Eine wunderbare Arbeit, nah an Shakespeare und trotzdem gegenwärtig. Ein Meisterwerk, das zum Berliner Theatertreffen 2015 eingeladen werden sollte. Mit ihrer Schnitzler-Inszenierung dürfte sie da weniger Chancen haben. Aber wem gelingen schon zwei Geniestreiche hintereinander?

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 25. und 28. Dezember.