Klassik-Kritik

Ein verwegener Virtuose

Der russische Starpianist Denis Matsuev überrumpelt sein Publikum im Konzerthaus

Es herrscht Adrenalin-Alarm im Konzerthaus: Der russische Pianist Denis Matsuev, 39, stampft und stürmt durch Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, wie man es selten erlebt. Mit einem Streitaxt-schwingenden Gnom. Mit raufenden Kindern, die zu einer Horde fleischfressender Piranhas mutieren. Und immer wieder mit eingestreuten Hauruck-Promenaden, die alles und jeden aus dem Weg zu walzen scheinen.

Matsuevs beeindruckendste Waffe: sein orchestrales Super-Fortissimo. Von majestätisch erhaben bis bestialisch brüllend, von feierlich triumphierend bis apokalyptisch tosend. Der Starpianist aus Sibirien macht keinen Hehl daraus, dass ihn das impulsiv Virtuose mehr reizt als intellektuelle Grübeleien oder beschauliche Klangsinnlichkeit. Matsuev ist ein Mann der Tat. Ein Pianist, der sein Publikum packt und bis zum Schluss nicht loslässt. Dass er auch wunderbare Pianissimo-Farben zaubern kann, zeigt er in Mussorgskys „Altem Schloss“ und Tschaikowskys „Meditation“ op. 72 Nr. 5.

Mindestens ebenso überzeugend ist Matsuevs Rachmaninoff-Auswahl in der zweiten Konzerthälfte. Inklusive der wild überschäumenden Klaviersonate Nr. 2 op. 36 und zwei Préludes, die als Hommage an den legendären Vladimir Horowitz verstanden werden können. Wie ein Heimspiel wirkt dieser Abend für Matsuev. Ausschließlich russisches Repertoire ragt im offiziellen Programm. Sehr viel russisches Publikum residiert vom Parkett bis zum zweiten Rang. Und das wundert kaum. Denn Matsuev, der am Moskauer Konservatorium ausgebildete und überlegene Tschaikowsky-Wettbewerb-Gewinner von 1998, wirkt wie der Archetyp des russischen Virtuosen. Viel russischer als Evgeny Kissin, Grigory Sokolov und Arcadi Volodos. Russischer gar als Boris Beresovsky und Nikolai Lugansky.

Der Saal bebt vor Begeisterung. Handyblitzgewitter begleitet den Pianisten auf Schritt und Tritt. Leidenschaftlich mitfilmende Fans müssen von Zeit zu Zeit von den Platzanweiserinnen ermahnt werden. Matsuev nimmt das Ganze stattlich gelassen. Da ist er kein Sensibelchen. Und er spendiert ohne großes Zögern fünf Zugaben. Zunächst Lyadovs „Musikalische Tabakdose“, Sibelius’ a-Moll-Etüde und Tschaikowskys „Mainächte“ aus op. 37b – fast schon ein gemütlicher Ausklang scheint sich da anzubahnen.

Doch dann wirbelt Matsuev urplötzlich wieder die Virtuosen-Peitsche. Er knallt dem Publikum Skriabins schicksalsschwangere Oktaven-Etüde op. 8 Nr. 12 um die Ohren. Und verblüfft anschließend mit herben Jazz-Avantgarde-Klängen, die in eine spektakuläre „Take The A-Train“-Hetzjagd münden. Eine genialische Duke Ellington-Bearbeitung aus eigener Virtuosenwerkstatt ist das, eine verwegene Mischung aus Art Tatum und Vladimir Horowitz. Wie kann das möglich sein? Trotz des gewaltigen Konzerttourneen-Pensums der letzten fünfzehn Jahre hat Matsuev Zeit gefunden, um auch noch zum süchtig machenden Jazz-Virtuosen zu reifen.

Fragt sich nur, warum er nicht schon längst Stammgast in Berlin ist. Mit Orchesterbegleitung hatte sich Matsuev in letzter Zeit zwar durchaus bewährt. Dass er im Alleingang allerdings sogar noch phänomenaler aufdrehen kann – das muss sich in Berlin wohl erst herumsprechen.