Belletristik

Die verzweifelte Nachtigall

Giwi Margwelaschwili erzählt in „Das Leseleben“ heitere und befreiende Geschichten

Als in der Gedichtwelt eine Nachtigall singt, hören alle Gedichtweltpersonen gespannt zu. Nur der Leser sitzt gelangweilt auf seiner fiktiven Lesewiese. Er kann ja den Gesang auch nicht hören. Die Nachtigall merkt das und bemüht sich, dass auch der Leser sie hören kann. Sie singt lauter und lauter, und stirbt aufgrund der Anstrengung. Der Leser ist beeindruckt, dass er die Melodie hören konnte, und legt glücklich sein Buch aus den Händen. Aber wer interessiert sich jetzt für den unglücklichen Todesfall der Nachtigall in der Gedichtwelt. Sie sagen, die fiktiven Figuren existieren ohnehin nicht und benötigen keinen Schutz? Giwi Margwelaschwili sieht das anders.

Er wird auch der Schöpfer der Erzähltheorie genannt. Das ist eine Theorie, die ihre eigene Verwaltung hat und ihre fiktiven Figuren schützt. Sie sorgt dafür, dass die gelesenen Figuren in einem Buch trotz der Leserwünsche nicht sterben. Ein sehr ehrenhaftes Amt, was der 87-Jährige da einnimmt. Dabei steht die Suche nach Gerechtigkeit im Vordergrund und kommt nicht von ungefähr. Als Kind georgischer Emigranten wurde Giwi Margwelaschwili 1929 in Berlin geboren. Seinem Vater, der Professor an der Humboldt-Universität war, wurde 1946 Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen. Während sein Vater im Speziallager Sachsenhausen gefoltert und erschossen wurde, konnte Margwelaschwili das Lager lebend verlassen.

Er arbeitete in Georgien als Lehrer und widmete sich parallel dem Schreiben von philosophischen Abwandlungen, auf Russisch, auf Georgisch und vor allem auf Deutsch. Mit unzähligen Manuskripten kehrte Margwelaschwili in den 90er-Jahren nach Berlin zurück und konnte einen Großteil seiner Bücher veröffentlichen. Heute lebt er wieder in Tiflis. Ein großer Teil seiner Bücher wurde vom Berliner Verbrecher Verlag veröffentlicht. Dieser lud zu einer Buchvorstellung nach Kreuzberg in die Fahimi Bar ein. „Das Leseleben“, so lautet der Titel des neuen Buches von Margwelaschwili, in dem er auf heitere und befreiende Art vom Leben mit und in den Büchern erzählt.

Eigentlich hat Giwi Margwelaschwili seine Bücher immer selbst gelesen, doch an diesem Abend ist der alte Mann mit den buschigen Augenbrauen nicht anwesend. Vielleicht sind diese Abende zu anstrengend geworden. Stattdessen liest Jörg Sundermeier, Autor und Mitbegründer des Verbrecher Verlags, die Geschichten von „Gedichtweltmännern“, der „Leselebensgefangenschaft“ und dem „Büchersterben in einem Lese-Lebensfluß“ vor.

Das hört sich im ersten Moment an wie ein Kindermärchen. Nach längerem Zuhören wird deutlich, dass dahinter mehr steckt als eine fantastische Welt. Die Episoden sind oftmals mehrdeutig und verbinden Wortspiele mit Philosophie. Wieder blättert Sundermeier wild in dem Buch, um die nächste Episode zu finden. Schwierig, sich in einem Buch zurechtzufinden, das kein Inhaltsverzeichnis oder Seitenzahlen hat.

Giwi Margwelaschwili: Das Leseleben. Verbrecher Verlag, 80 S., 16 Euro.