Belletristik

Als der Stasi-Vater das Flugblatt findet: Die Mauer muss weg!

Die Art von Schuld, um die es in diesem Roman geht, wurde vielen Bürgern der ehemaligen DDR nach dem Fall der Mauer bewusst. Irgendwann liegt die Akte aufgeschlagen vor demjenigen, der die Wahrheit sucht, und es stellt sich heraus, dass die nächsten Angehörigen für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet haben. „Der IM Rudolph verpflichtet sich zur politisch erzieherischen Einflussnahme mit dem Ziel, eine feindlichnegative Haltung seiner Tochter zu unterbinden“, schreibt Grit Poppe. Die Tochter heißt Jana, sie ist 15 Jahre alt und besucht eine EOS in Berlin. Jakob ist ihr Banknachbar, seine Jeans haben Löcher über den Knien, um den Hals baumelt eine Kette mit Peace-Anhänger. Seine Eltern haben die Ausreise beantragt. Eines Tages gibt Jakob Jana ein Flugblatt, auf dem die vier Worte stehen: Die Mauer muss weg! Das Flugblatt verschwindet aus Janas Zimmer. Der Leser ahnt, wer das Flugblatt genommen hat.

Grit Poppe, die 1964 in Boltenhagen an der Ostsee geboren wurde und sich in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ engagierte, ist eine gute Kennerin der DDR der letzten Jahre. Sie hat für diesen Roman mit Zeitzeugen gesprochen und eine Brache gefüllt. Man hat noch nicht so viel gelesen von den Bedingungen des Strafvollzugs für Jugendliche. Überhaupt kann man mit diesem Roman noch einmal in die DDR der letzten Monate eintauchen, wie sie gerochen und geschmeckt hat, welche Kleidung die Jugendlichen getragen haben, welche Zigaretten geraucht wurden und was es mit der „Aktuellen Kamera“ auf sich hatte.

Grit Poppe: Schuld. Dressler, Hamburg. 368 S., 9,99 Euro. Ab 14 J.