Bühne

Alkohol, Texthänger, offene Hosenställe und allerlei Versprecher

Fans aller Altersklassen jubeln: Mario Adorf ist mit seinen „Geschichten aus seinem Schauspielerleben“ unterwegs

Hoppla, dieser etwas ältere stämmige Herr mit breitem Kreuz und strammem Brustkorb geht auch mit seinen 84 Jahren noch locker durch als Kerl. Dazu die silbergraue Mähne, der Bart, die sinnlichen Lippen. Und unter buschigen Brauen die großen Augen, die noch immer so jungenhaft blicken können; oder durchtrieben spöttisch, schalkhaft, verschmitzt. Auch aashaft grinsen können sie. Das hat was Verwegenes, womöglich Schwerenöterisches. – Ja doch, allein schon die körperliche Präsenz von Mario Adorf wirkt magnetisch. Und dann erst diese Stimme! Modulierend zwischen dunkel, samtig und ruppig rau. Dieser Mann kann verführerisch flüstern, aber auch ein Fußballstadion nieder brüllen. Nach seinem verpatzten Vorsprechen an der Münchner Falckenberg-Schauspielschule war er schon unten durch, da sprach die Aufnahmekommission doch noch das rettende Urteil: „Nehmen wir ihn halt zur Probe; der Bursche hat halt Kraft und Naivität.“

Genau erkannt! Es ist diese goldene Mischung, die bis heute Adorfs Aura prägt, seine phänomenale künstlerische Wirkung – ob im Film oder auf der Bühne und ganz gleich, ob er nun schwere Schurken, schlimme Finsterlinge, tollkühne Abenteurer, saftige Machos, wilde Schürzenjäger oder komische Liebhaber spielt. Dabei hat er das Spielen, das er als „Handwerk“ betrachtet, weniger in Schulen erlernt als beim aufmerksamen Zuschauen großer Kollegen; erst als Statist im Zürcher Schauspielhaus, dann (1955-1962) im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Dort waren der Schauspieler Friedrich Domin und der Regisseur Fritz Kortner prägend. Dort entdeckte ihn der weltberühmte US-Regisseur Robert Siodmak und besetzte ihn in seinem Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ – eine beispiellose Kino- und TV-Karriere begann; bis heute sind es rund 200 Filme.

Siodmaks Casting in einer Kneipe bestand in der harmlosen Aufforderung, doch mal so richtig „beese“ zu gucken. Und Siodmaks „Schauen Sie mal böse!“ gibt denn auch das Motto für Mario Adorfs „Geschichten aus seinem Schauspielerleben“, die er aus mehreren seiner süffig zu lesenden Erinnerungsbüchern zusammengetragen hat für eine Vortragstour durch Deutschland. Jetzt war er im Renaissancetheater zu Gast; das im Handumdrehen ausverkauft war und nach gut zwei Stunden im stehenden Jubel der Fans aller Altersklassen endete.

Ja, es war köstlich und herzbewegend! War lehrreich. War kraftvoll und gespickt mit saftiger Komik, die ihm frech, dabei hinterrücks tiefsinnig über die Lippen kam und durchaus heftig an das frühe schöne Diktum „naiv“ erinnert. Bleibt doch die Schauspielerei für diesen Künstler letztlich immer und im weitesten Sinne Komödiantentum. Damit hat es Adorf zur faszinierenden Könnerschaft gebracht. Und dazu müsse er, so sein Credo, immerzu mit unverstelltem, also naivem Blick aufs wirkliche Leben schauen. Wie das so ablief in seinem reichen Künstlerdasein, davon präsentierte Adorf eine ziemlich wilde, verrückte, saukomische und gelegentlich auch bitterernste Mischung von Geschichten, Anekdoten, Katastrophen, Glückseligkeiten. Berühmtheiten wie Rühmann und Albers kommen vor (beide werden hinreißend parodiert, auch ein Albers-Liedchen wird geträllert), daneben Wessely, Hörbiger, Heinrich George. Und es geht um Alkohol, Texthänger, Hunger, Armut, Boxen, Wurzen, Sprechtechnik, um Schiller („Carlos“ wird zitiert), um offene Hosenställe, Versprecher, Intendanten, Shakespeare (den berühmten Shylock-Monolog gibt’s im deklamatorischen Kortner-Stil), um diverse Kino- und Bühnentode, um den römischen Papa, die rheinische Mama, um die Kindheit im katholischen Waisenhaus in der Eifel, ums richtige Lachen oder Grienen, und warum sich ein Rüde die Eier leckt.

Und es geht um die scheinbar harmlosen, doch eigentlich grundsätzlichen Weisheiten seines, Gott hab’ ihn selig, Zürcher Kollegen Domin: Das wichtigste am Schauspieler sei, dass er eine eiserne Gesundheit habe. „Und dass er stets gut riecht.“

Renaissancetheater, Knesebeckstraße 100. Wieder am 21./ 22. Februar 2015.