Weltstar

Der falsche Ton

Anna Netrebko posiert mit einem ukrainischen Separatisten – was hat sie sich dabei gedacht?

Das Foto hat viele ratlos, ja fassungslos gemacht. Wie kann es sein, dass sich ein Weltstar wie die russische Sopranistin Anna Netrebko auf ein solch politisch brisantes Symbolfoto einlässt? Schlummert etwa in ihr eine russische Nationalistin? Das Foto ist jetzt in der digitalen Welt unterwegs und hat schon einige Entrüstung ausgelöst. Auf der Facebook-Seite der begnadeten Sängerin war am Dienstag unter anderem „Schande über dich!“ oder „Zieh doch ins Kriegsgebiet“ zu lesen. Die Operndiva hat sich zwischen die Fronten begeben. Und es bleibt festzuhalten: Das Foto wird die Karriere der 43-jährigen Künstlerin von nun ab begleiten.

Was war geschehen? Anna Netrebko hat in St. Petersburg mit einem Separatistenführer aus der umkämpften Ostukraine posiert. Gemeinsam mit Oleg Zarjow, 44, der mit anderen militanten Aufständischen auf der schwarzen Sanktionsliste der EU steht, präsentierte die Sängerin am Montag am Rande einer Pressekonferenz die Fahne von „Neurussland“. Mit diesem historischen Begriff bezeichnen die Separatisten in den Krisenregionen Donezk und Lugansk das von ihnen beanspruchte Gebiet. „Anna Netrebko hat die Flagge von Neurussland gehisst!“, twitterte Zarew später stolz. Historisch bezieht sich der Name auf eine Provinz des Zarenreichs, die das russische Heer im 18. Jahrhundert von den Osmanen eroberte. Das Gebiet umfasste die heutige Ost- und Südukraine.

Eine Million Rubel für Donezk

Netrebko überreichte Zarjow, der seit Juni gern als „Parlamentsvorsitzender“ der „Union der Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ auftritt, einen Scheck über eine Million Rubel. Das sind umgerechnet rund 15.000 Euro. Es bleibt vor allem die Geste. Das Geld sei für das Opern- und Balletthaus in der umkämpften Separatistenhochburg Donezk gedacht, sagte Anna Netrebko. Ihre Kollegen dort würden wegen der Gefechte zwischen der Armee und Aufständischen „im Bombenhagel“ zur Probe gehen. „Ich möchte etwas tun, um die Kunst zu unterstützen, wo es heute besonders notwendig ist“, sagte Netrebko russischen Medien zufolge. Zarjow versprach, die Spende zu überbringen. Die Zentralregierung in Kiew hatte die Finanzmittel für die Oper in Donezk eingestellt.

Mit politischen Äußerungen hielt sich Anna Netrebko aber zurück. Der Krieg im Konfliktgebiet und die Feindschaft zwischen Ukrainern und Russen seien ihr völlig „unverständlich“, sagte sie. Dieses Unverständnis, ja Hilflosigkeit verbindet die Sängerin durchaus mit vielen osteuropäischen Künstlern, gerade den Russisch-Sprachigen, die sich plötzlich einem Lager zuordnen und Feindbilder benennen sollen. Die Netrebko erinnerte an ihre Heimatstadt Krasnodar, wo Russen und Ukrainer seit Jahrhunderten friedlich zusammenleben. „Ich denke, der Krieg sollte aufhören – je schneller, desto besser. Aber das ist schon Politik, darauf gehe ich nicht ein“, sagte Netrebko. Sie unterstütze keine der kämpfenden Seiten, sondern die Kultur, betonte die Sängerin. Aber das Statement nützt wenig: Die politische Symbolik überstrahlt die humanitäre Botschaft. Der im Westen hofierte Weltstar war schlecht beraten, sich derart zu positionieren.

Der Politiker Zarjow, der regelmäßig in die Region reist, um Spenden zu verteilen, rollte bei dem Termin dann eine Flagge der ostukrainischen Separatisten aus und Netrebko hielt eine Ecke davon in den Händen. So entstanden die umstrittenen Fotos. „Gut gemacht Anna, hoffen wir, dass Du deswegen nicht mit westlichen Sanktionen belegt wirst“, hieß es am Dienstag in einem Kommentar der russischen Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“.

Bei ukrainischen Medien sorgte die Spende und das Zeigen der „Separatistenfahne“ dagegen für Empörung. „Die Diva hat kein Wort über die Tatsache verloren, dass das Leiden der Musiker und der Oper von Donezk das Ergebnis der Aktionen der Aufständischen ist“, kommentierte das Internetportal Obozrevatel.com aus Kiew. Die prowestliche Regierung in Kiew bezeichnet die Separatisten als „Terroristen“. Der Westen wirft Russland vor, die Gruppen auszurüsten – was Moskau dementiert.

Netrebko hatte mehrfach öffentlich ihre Unterstützung für Kremlchef Wladimir Putin bekräftigt. „Es gibt keine Alternative“, sagte sie. Sie gehörte auch zu 500 russischen Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern, die sich vor der Präsidentenwahl 2012 für Putins Rückkehr in den Kreml ausgesprochen hatten – ebenso wie etwa Stardirigent Waleri Gergijew, der von 2015 an bei den Münchener Philharmonikern im Einsatz ist. Der Kreml hat eine lange Tradition, international erfolgreiche Künstler oder Sportler für seine Propaganda zu nutzen. Wer es nicht tut, wird schnell im eigenen Lande totgeschwiegen. Also machen die meisten lieber mit.

Der designierte Chefdirigent Gergijew hat in München bereits schon den Gegenwind gespürt. Es gab den Vorstoß, seinen Vertrag wieder zu lösen. Und überhaupt stößt der russische Künstler, der zu den Großen seines Fachs gehört, auf bislang ungeahnte Grenzen. Auf Drängen der polnischen Botschaft wurde er etwa von der Festspielleitung der Musikfestspiele Saar ausgeladen. Polen ist Schwerpunktthema bei den Musikfestspielen im kommenden Jahr. Man wollte keinem Putin-Anhänger am Pult zujubeln.

Kritik vom Außenministerium

Ob die misslungene Spenden-Aktion für Anna Netrebko konkrete künstlerische Folgen haben wird, bleibt abzuwarten. Ihre Stamm-Opernhäuser im Westen hielten sich zunächst mit Urteilen zurück. Allerdings kritisierte das Außenministerium Österreichs – Anna Netrebko hat neben der russischen seit 2006 auch die österreichische Staatsbürgerschaft – ihren Einsatz: „Sich mit einem ostukrainischen Separatisten und seiner Fahne fotografieren zu lassen, ist problematisch“, meinte ein Sprecher. „Denn dass derartige Fotos umgehend für Propagandazwecke missbraucht werden, ist klar.“