Klassik-Kritik

Wenn sich Orchester und Geigerin um das Tempo kabbeln

Ein ganzer Abend nur Jean Sibelius, knapp vor seinem 149. Geburtstag?

Wahrlich ein bemerkenswerter Zeitpunkt, den sich das Deutsche Symphonie-Orchester ausgesucht hat. Als erster Berliner Klangkörper eilt es der Musikwelt voraus, um an das anstehende, viel rundere Jubiläum des finnischen Komponisten zu erinnern. Mit zwei attraktiven Werken, die noch heute fest in den Konzertsälen der Welt verankert sind: Sibelius’ Zweite Sinfonie op. 43 und das d-Moll-Violinkonzert op. 47. US-Amerikaner David Zinman treibt die Musiker mit grandiosem Pinselstrich voran. Die Energiewellen, die der 78-Jährige in Sibelius’ Zweiter erzeugt, drücken ihn bisweilen bis ans Pultgeländer. Die Blechbläser zeigen ordentlich Bizeps, die Bässe brummen tiefschwarz. Streicher und Holzbläser halten sich umschlungen in nordischer Herzlichkeit.

Launig rangelt dagegen das Sibelius-Violinkonzert zuvor. Solistin Alina Pogostkina hält dem Orchester ihren schlank konzentrierten Stradivari-Ton entgegen. Sie betört das Publikum mit süßem Charme. Und hat hörbar andere Tempovorstellung als das Orchester. Es kommt zu zausenden Kabbeleien. Pogostkina, Jahrgang 1983, zeigt Nerven. Vor neun Jahren hatte die russischstämmige Berlinerin den Sibelius-Wettbewerb gewonnen. Am heutigen Abend überzeugt sie allerdings mehr mit Bach. Schüchtern sinnlich haucht sie das g-Moll-Adagio der Solosonate BWV 1001 in den Saal.

Pogostkinas Zugabe verströmt ähnlich intime Wärme wie das Deutsche Symphonie-Orchester zu Beginn des Abends in „Mélisandes Tod“. Ansonsten wirkt Sibelius’ Musik zu Maeterlincks „Péleas et Mélisande“ – die dritte Komposition des Abends – kühl und klar, zupackend und offen artikuliert. Ganz so, wie es die DSO-Musiker am liebsten mögen. Zinman scheint ein umgänglicher Dirigent zu sein. Ein Maestro, der seine Interpretationen mit den Klangidealen des Orchesters vereinbaren kann.

Erst im Sommer hat David Zinman sein Tonhalle-Orchester Zürich verlassen – nach fast zwanzig erfüllten Jahren hochproduktiven Miteinanders. Kürzlich hat DSO-Chefdirigent Tugan Sochijew überraschend verkündet, dass er seinen Vertrag über 2016 hinaus nicht verlängern wird. Die Nachfolger-Suche läuft auf Hochtouren. Jeder Gastdirigent wird von jetzt an genau geprüft.