Kunst

Der etwas andere Einkauf

Christine Hills Kunstkaufladen in der Galerie Eigen+Art ist ziemlich kurios, hat aber was

So nah kommt selten an eine Kindheitserfahrung wie in der Ausstellung Sliding Scale von Christine Hill bei Eigen+Art. Doch handelt es sich nicht um eine Ausstellung im klassischen Sinne. Vielmehr ist es eine Art Perfomance, die zu seiner Vollendung vor allem eines braucht: den Betrachter. Der allerdings darf nicht Betrachter bleiben, sondern muss aktiv werden.

Denn in der begehbaren Installation „The Small Business Fulfillment Center“ spielen Künstlerin und Galeriebesucher Kaufladen. Auf kleinen Holzregalen sind lauter Gegenstände aufgestellt, die ihre besseren Tage bereits hinter sich haben: eine Strickliesel, eine Packung Buntstifte, Stempel aller Art, alte Klebebänder, eine grüne Sparbüchse in Elefantenform, ein Cocktaillöffel, Zündhölzer, ein Kalender aus dem Jahr 1952 – alles Gegenstände mit Patina und begrenztem Nutzen. Ausgerüstet mit einem Plastikkorb streift der Galeriebesucher durch den Laden und stellt sich ein Sortiment dieser kuriosen Sammelobjekte zusammen.

Ist er unsicher, wird er von der Künstlerin oder ihren Assistentinnen beraten, denn neben Transaktionen wie Geld gegen Ware geht es auch um das ganze Drumherum eines Geschäftes, das Christine Hill als Small Business bezeichnet: die freundliche Behandlung des Kunden, das Kundengespräch, das Nachdenken über Werte: Werte der an sich nutzlosen Waren, Werte dieser Waren im Kunstkontext, den Wert eines kleinen Ladens, des persönlichen Kontakts. All das wird durch die Spiegelung der Handlung im künstlerisch-interaktiven Spiel sichtbar gemacht. Am Ende des Kaufs werden die Kostbarkeiten des „Kunden“ an einer schönen alten Apothekertheke, die gleichzeitig als Archiv für vergangene Transaktionen dient, in einen mit Etikett beklebten Karton verpackt. Mit einem Zertifikat der Künstlerin und einem Stempel wird der Kaufakt beglaubigt. Der Grundpreis für einen solchen Karton beträgt 250 Euro, je nach Gewicht steigt er an.

„The Small Business Fulfillment Center“ ist eine Kunstaktion aus einer Serie von „Shop- und Transaktionsprojekten“, die die 1992 aus Baltimore nach Berlin gekommene Künstlerin Christine Hill seit 1996 unter dem Label „Volksboutique“ betreibt. Bereits einen Monat später wurde sie damit auf die Documenta in Kassel eingeladen. Auf der Biennale in Venedig 2007 war die „Volksboutique“ mit sieben großen Koffern vertreten, die Kostümierungen und Utensilien für unterschiedliche Rollen enthielten wie die einer Rezeptionistin mit Schreibmaschine und Staubwedel und die einer Buchhalterin mit Taschenrechner und Bleistiften. Als Langzeitprojekt hatte Hill in der Choriner Straße seit 2010 einen Laden mit dem Namen „Small Business“ geführt, der einmal in der Woche geöffnet war. Diesen löst sie nun auf, daher ist die Ausstellung bei Eigen+Art auch als feierlicher Abschluss dieser Kunstaktion zu verstehen.

Christine Hill. Sliding Scale bis 13.12.2014. Di-Sa 11-18 Uhr. Galerie Eigen+Art, Auguststr. 26