Klassik-Kritik

Notsituation für Mahlers Sechste in der Philharmonie

Daniel Harding springt für den erkrankten Kirill Petrenko ein

Was für eine makellose Mahler-Sechste! CD-reif bis ins winzigste Detail, ungeheuerlich dichter Orchesteratem. Reich beschenken die Philharmoniker ihr Publikum an diesem Abend. Und das trotz dramatischer Notsituation: Der heiß erwartete Kirill Petrenko sagt krankheitsbedingt ab – ausgerechnet einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die anstehende Rattle-Nachfolge. Stattdessen eilt nun Daniel Harding heldenhaft kurzfristig herbei.

Im Foyer grummelt es zwar noch vor Publikumsenttäuschung. Doch der Unmut währt nicht lange. Denn bereits die bestens gelaunte Bestbesetzung der Philharmoniker lässt auf Großes hoffen. Verwundert reibt man sich die Augen: Wann läuft dieses Orchester schon mal mit drei Konzertmeistern auf? Wann erlebt man gleichzeitig die Weltklasse-Holzbläser Emmanuel Pahud, Albrecht Mayer und Wenzel Fuchs so einträchtig vereint? Wohl nur zu ganz besonderen Anlässen. Und zu Mahlers Sechsten. Seit über hundert Jahren gehört sie zum stolzen Repertoire der Philharmoniker – jene Sinfonie, die als so streng und unerbittlich gilt, als rauer Vorbote von Untergang und Zerstörung.

Keine Frage: Mahler bietet harte 90-minütige Kost für das Publikum, er stürmt weit über die Schmerzgrenzen hinaus. Unter Daniel Harding wird diese Sinfonie allerdings sensationell erträglich. Der englische Dirigent überrascht mit Leidenschaft und Wärme. Feierlich packt er den Kopfsatz an, spart sich das ohrenfetzend Martialische für die Reprise auf. Wunderbar innig schwelgen die Philharmoniker dann im langsamen Satz.

Daniel Harding muss hier nur das Tempo vorgeben und den Musikern genug Raum lassen – die Philharmoniker wissen schon selbst, was zu tun ist. Sie genießen die Musik nach allen Regeln der Kunst. Und sammeln Kräfte für das ruppige Scherzo und monströse Finale. Mahler erschlägt das Publikum hier beinahe mit einem Wust an genialen Einfällen und brachialen Effekten, mit einer Dichte an Details und ausufernden Klangpanoramen. Harding organisiert das Getümmel weitblickend und zugleich spektakulär gegenwärtig. Kaum zu glauben, dass Mahler während der Arbeit an dieser Schicksalssinfonie seine glücklichste Zeit des Lebens gehabt haben soll. Bis zur letzten Sekunde halten die Musiker die Partitur mit Kraft zusammen. Erschöpft und glücklich lassen sie sich vom Publikumsjubel umspülen.