Konzert

Endlich wieder 16

Klassentreffen mit Bryan Adams in der O2 World: erste Liebe, Freiheit und High Heels

Bryan Adams ist ein Mann für Teenagerträume. Die rauchige Stimme, lässig in enger Jeans, der Kurzhaarschnitt so akkurat, dass es nicht mehr ganz nach Bad Boy aussieht. Adams ist Rock-Schwiegersohn, besser: Soft-Rock-Sohn aller erster Güte. Er ist süß genug für 14-Jährige und männlich genug für die restliche Frauenwelt. Männer finden ihn auch toll, weil er so gut Gitarre spielt, weil er so nett ist und weil er den Dreh mit den Mädels raus hat. Und dann der Song: „Summer of 69“. Der Initiationsritus im Pfadfindercamp und während der Schülerdisko. Das ist Rock’n’Roll, Lagerfeuer, Sommerliebe, Marlboro-Mann.

Klar, „Summer of 69“ ist irgendwie peinlich. Ein Song, zu dem man sich gegenseitig auf die Schulter klopft und hämisch lacht. Andererseits ist es ein Lied, das fast jeder kennt und keiner vergessen kann. Wer vordergründig so tut, als würde er den Song Mist finden, singt am Ende doch mit. Heimlich, auf der Geburtstagsfeier, wenn es schon schummrig ist und der Gin Tonic das Erinnerungsvermögen beeinflusst.

Alle, die nach der ersten Euphorie die dazugehörige Platte gekauft haben (auf deren Cover Adams so treuherzig dreinschaut) wurden nicht enttäuscht. Ja, „Reckless“ enthält Hits, Balladen gibt es sowieso, als Dreingabe. Reckless heißt soviel wie leichtsinnig. In diesem Jahr wurde „Reckless“ 30, streng genommen ist das alt für Teenage Dreams, zum Jungfühlen allerdings genau das Richtige. Als das Album veröffentlicht wurde, war Bryan Adams ein großer Star. Schon als 24-Jähriger sang er ein Duett mit der großen Tina Turner: „It’s only love.“

Für die gut gefüllte O2 World spielt Adams das ganze Album, fast in Reihenfolge. Auf den Bühnenhintergrund ist anfangs das „Reckless“-Cover projiziert. An sich eine nette Idee, allerdings sind Bryan Adams Augen animiert, manchmal schaut er nach links, geradeaus, nach rechts. Sieht spooky aus, alle sind richtig froh, als der Sänger endlich in echt auf der Bühne erscheint. Ganz in schwarz steht er da, und sobald er den ersten Ton singt ist es, als wäre man in eine Zeitmaschine geraten.

Adams spielt „Reckless“, „One Night Love Affair“, „She’s Only Happy When She’s Dancing“. Bei „Run To You“ stehen die Ersten auf, die erste Strophe der Ballade „Heaven“ singt die Halle allein. Worum es bei einem Bryan Adams Konzert geht? Junge trifft Mädchen, erste Liebe, Freiheit, Liebeskummer und darum, wie sexy High Heels sind. Es ist, als wäre man wieder 16.

Die Pärchen wiegen sich einträchtig, einige nicken mit dem Kopf. Während das Publikum alten Zeiten nachhängt, scherzt Adams mit seinem zweiten Gitarristen. Die beiden präsentieren ein sorgenfreies Programm, ohne Politik, ohne Schwermut. Im Mittelpunkt stehen zwei in die Jahre gekommene Schuljungen, die ein bisschen Spaß haben wollen. Adams ist nie vom Teenie-Thema weggekommen – kein Wunder, dass man sich wie auf einem Klassentreffen fühlt. 1996 landete er einen Hit mit folgenden Zeilen: „Wanna be young the rest of my life, don’t wanna grow up I don’t see why, gonna be 18 till I die.“ Schluck. Adams ist mittlerweile 55. Er hat mehrere Häuser, eine Frau, zwei Kinder und lebt vegan. Es ist wie im Bilderbuch. Ob er wirklich die Zeit zurückdrehen will?