Belletristik

Am Rande der Moral: Cormac McCarthys „Ein Kind Gottes“

Jeder Mensch ist ein Kind Gottes. Bedeutet das aber auch, dass es moralische Grenzen gibt, die er nicht überschreitet?

Der Amerikaner Cormac McCarthy hat in Romanen wie „Die Straße“, „Kein Land für alte Männer“ und „Die Abendröte im Westen“ dargestellt, wie sehr Gewalt und ein Mangel an Moral in der amerikanischen Gesellschaft verankert sind.

Bereits in seinem 1974 veröffentlichten Kurzroman „Ein Kind Gottes“, der nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist, erforschte er, wozu Menschen in der Lage sind. Das Buch beginnt mit einer fröhlichen Szene. Eine Musikkapelle fährt durch das Bergland von Tennessee, spielt lustige Melodien, um auf eine Grundstücksauktion aufmerksam zu machen. Eine heruntergekommene Farm soll verkauft werden. Schon bald ändert sich die Stimmung, als der bisherige Eigentümer erscheint: „Er ist klein, unsauber, unrasiert. Er bewegt sich mit gezwungener Verbissenheit in der trockenen Spreu. Vielleicht ein Kind Gottes wie man selbst.“

Nach dem Tod seines Vaters hatte sich Lester Ballard um nichts mehr gekümmert, keine Steuern oder Schulden bezahlt und so das Recht verloren, auf dem Hof zu bleiben. Erst quartiert er sich in einer verfallenen Hütte ein. Als diese abbrennt, zieht er in eine Höhle. Er wird zum Einsiedler. Schließlich wird Ballard zum Mörder. Ist er damit immer noch ein Kind Gottes? McCarthy beantwortet diese Frage nicht. Er urteilt auch nicht. In einer kargen Prosa ohne Ausschmückungen beschreibt er lediglich die Ereignisse und überlasst den Lesern jegliche Bewertung.

Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 191 S., 12,99 Euro.