Geschichte

Literarisches Gegengift zur nationalen Nabelschau

„Treffpunkt ’89“: Marko Martin versammelt starke Porträts

„Es schien endlos zu dauern, ein letztes Mal. All die zähen DDR-Jahre jetzt noch einmal konzentriert in diesem Moment: Grenzübergang Gerstungen am 19. Mai 1989, vor 25 Jahren. Manche der Zugpassagiere hatten die Fenster geöffnet. Draußen auf dem Bahnsteig liefen die Uniformierten, Schäferhunde an der Leine. Als sie in die Abteile hereinkamen, konnte unsere Familie die offiziellen Ausreisepapiere vorzeigen jene ,Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR‘, auf die wir jahrelang hingearbeitet hatten mit Briefen und Vorladungen zur ,Abteilung Inneres‘, wo es ruhig und überlegt zu bleiben galt trotz der Drohungen und Schreie.“

Schon die familiäre Vorgeschichte bürgt dafür, dass die Wende 1989 für Marko Martin mehr war als „Genschman“ auf dem nächtlichen Balkon der Prager Botschaft („Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“) oder Schabowski auf der Pressekonferenz („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“).

„’89“ ist vielmehr das perfekte Gegengift zur allzu nationalen Nabelschau. Denn Marko Martin lässt die Wende als epochale Transformation von europäischer Tragweite begreifbar werden. Das Buch versammelt journalistische Begegnungen mit und Porträts von Zeitgenossen wie Melvin Lasky, Reiner Kunze oder Václav Havel. Allesamt Persönlichkeiten, die Zeit ihres Lebens an den Wert der Freiheit geglaubt haben. An Jerzy Giedroyc zeigt Martin auf, wie die einflussreiche Oppositionszeitschrift „Kultura“ den Polen bereits frühzeitig die Angst vor einer deutschen Wiedervereinigung genommen hatte. Und am Beispiel von Miklós Nemeth würdigt er, dass die Helden des ungarischen Systemwechsels mit der Reisefreiheit für geflüchtete DDR-Bürger den ersten Stein aus der Berliner Mauer geschlagen haben.

Der Tscheche Jaroslav Rudiš ist ihm ein Beispiel dafür, wie seit 1989 auch eine jüngere Generation aus ihrer kommunistisch anerzogenen historischen Amnesie erwacht: Die ethnischen Tiefenschichten vieler Regionen in Ostmitteleuropa liegen ohnehin quer zu jeder System- und Staatenlogik. Der Sieg des individuellen Freiheitsstrebens ist für Martin ein wichtiges Momentum menschlicher Existenz. Denn Geschichte ist für individuelles Handeln immer offen – in welcher Weise, zeigt uns „Treffpunkt ’89“ mit seinen eindringlichen Porträts.

Marko Martin: Treffpunkt ’89.Von der Gegenwart einer Epochenzäsur. Wehrhahn, Hannover. 320 S., 22,80 Euro.