TV-Kritik

Ronald Schill: Richter ohne Rechtsempfinden

Sandra Maischberger begutachtet einen Absturz

Sandra Maischberger ist eine abgeklärte Frau, man hat sie bislang selten fassungslos gesehen. In dieser Sendung aber war sie es, verständlicherweise. Sie hatte Ronald Schill gerade zehn Minuten lang zugehört. Dann wendete sie sich ihm zu und sagte: „Dass Sie mal Richter und Innensenator waren, das kriege ich mit Ihrer Persönlichkeit nicht zusammen.“

Es ging in dieser spannenden Sendung am Dienstagabend um die Frage, wie man mit Abstürzen im Leben umgeht. Sandra Maischberger wollte wissen, wie man ein plötzliches Ende der Karriere oder die private Insolvenz persönlich verarbeitet. Mit dem Schlagersänger Nino de Angelo und dem früheren Nationaltorwart Eike Immel waren zwei Gäste zugegen, die den Absturz aus höchsten Sphären selbst erlebt haben. Beide sind in sehr jungen Jahren zu sehr viel Geld gekommen, und beide waren unfähig, damit umzugehen.

Denkwürdig aber war der Auftritt des Ronald Schill. Er hatte es zunächst als „Richter Gnadenlos“ zu bundesweiter Berühmtheit gebracht, indem er drakonische Urteile für Bagatelldelikte verhängte. Er hat bei den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft mit seiner „Partei Rechtsstaatliche Offensive“ 2001 aus dem Stand fast 20 Prozent der Stimmen geholt und wurde daraufhin in einer Koalition mit Unionsmann Ole von Beust Innensenator. Nachdem er diesem gedroht hatte, dessen Homosexualität öffentlich zu machen, schmiss ihn von Beust aus dem Amt. Schills Karriere als Parteivorsitzender währte auch nur bis 2003.

Und nun? Reue? Selbstkritik? Aber nein. Immer wieder wollte Maischberger von ihm wissen, mit welchen Gefühlen er seinen Erpressungsversuch und seinen Kokainkonsum heute sehe. „Ich bin kein Moralist“, sagte Schill. Eine interessante Formulierung, weil sie diejenigen, die etwas von Anstand und Gesetzestreue halten, eine etwas verknöcherte, biedere Gesinnung unterstellt. Schill dagegen berauschte sich mit den staunenden Augen eines Kleinkindes noch einmal an all den „Insignien der Macht“, die ihm sein damaliger Aufstieg bescherte: „Ich hatte einen Leibwächter, ich hatte ein gepanzertes Auto. Ich hatte eine Frau, die nur für meine Termine zuständig war. Ich hatte all diese überflüssigen Leute.“

Sein Kokainkonsum? Im Grunde auch die Schuld des politischen Gegners, so Schill. Denn man hatte ihm das ja zunächst unterstellt, um ihn zu diskreditieren. Heute sei er „Hedonist“ und das Leben in Rio verschlinge viel Geld, deshalb auch der Auftritt beim „Promi Big Brother“. Wie man denn als Hedonist im Armenviertel so lebe: Das war eine der vielen Fragen, die Ronald Schill wortreich unbeantwortet ließ.