Musik

Die freundlichen Paten

Mitten in der Krise entstand das Berliner Label Monkeytown. Es läuft bislang erstaunlich gut

Ein Musiklabel. Normalerweise ist das so ein Dinggedicht aus Rechten. Vertrag, Vertrieb, Leistungsschutz und Lizenz, Anteil. Abrechnung. Zahlung. Zuletzt war es häufig auch eine Elegie aus Wandel, Sterben und Selbstvermarktung. Fragt man aber Sebastian Szary, 39, orangefarbener Overall, und Gernot Bronsert, 37, Kappe mit Karomuster, nach ihrem Label Monkeytown Records, dann singen sie, vor den großen, leicht blinden Fenstern ihres Labelbüros in Berlin-Mitte eine farbenfrohe, ja fast geistlich inspirierte Hymne: Monkeytown Records – das ist Freundschaft, Familie, Glaube, Identifikation und Inspiration. Basis und Zusammenhalt. Ihr Refrain: Umgib dich mit denen, die sind, was du sein willst.

Szary und Bronsert, die zusammen Modeselektor und gemeinsam mit Sascha Ring die Formation Moderat sind, beschreiben ihr Label als so etwas wie eine kreative Famiglia und die elektronische Musikszene insgesamt als eine Art Konglomerat aus freundlichen Banden, uralten Gangs. Die Paten des Technos bleiben über Jahrzehnte die gleichen. Innerhalb der Familien unterstützt man sich, inspiriert sich. Es geht um Entwicklung. Um Identität. Um einigen Beats per Minute. Das Wort „Geld“, das fällt erst mal nicht.

Na klar, Szary und Bronsert, die Labelchefs, sie sprechen hier an diesem langen, leicht wackligen Konferenztisch mit der Presse, aber, sie müssen das was sie sagen, trotzdem so meinen, sonst hätten sie nicht, wie sie sagen auf „dem Höhepunkt der musikwirtschaftlichen Krise“, 2009 ein Label gegründet. Damals waren sie in erster Linie Künstler Modeselektor, ein Techno-Pop-Electro Duo, aus Wolterdorf und Rüdersdorf. Von da aus, um die Welt. Kollaborationen mit Thom Yorke, Maximo Park und Boys Noise.

Ode an das Netzwerk

In ihrem „Dunstkreis“, so sagen sie, war damals der Berliner Musikproduzent Moritz Friedrich, Siriusmo. Er hatte kein feste Label, keine Familie, verteilte seine Musik mal hier, mal da, ein Nomade. Szary und Bronsert sagten: „Wir müssen das besser machen für dich“ Und dann gründeten sie ein Label für ihren Freund. Denn sei wie es überall sei, man brauche ein Netzwerk, eines das dich trägt, eines das dich formt.

Modelektor und Moderat waren damals bei Ellen Allien auf Bpitch Control. Hier, sagen sie, lernten sie das „Camp sein“, wie sie das nennen, das sich Zusammenrotten mit Künstlern, die man gut findet. 2009 veröffentlichten sie mit „Moderat“ ihr letztes Album aus dem Allien-Camp. 2011 brachten sie „Monkeytown“ auf Monkeytown heraus. Es wurde ihr bestverkauftes Album. Wenn etwas gut ist, sagen sie, und man viel Energie hineinsteckt, dann verkauft sich das.

Heute sagen sie, gibt es weitaus weniger elektronische Musik-Camps in Berlin als noch vor 15 Jahren. Die musikalische Infrastruktur der Stadt habe sich stark geändert. Die Kollegen von damals, die Pauls, die von Dyks und Kalkbrenners, die DJs aus dem WMF, dem Tresor, die jetteten nun durch die Welt. Sie fliegen auch um die Welt, aber investierten ihr Geld, „Kohle“ sagen sie dazu, in ihr Label. In Berlin. In die Künstler, an die sie glauben. Acht Mitarbeiter beschäftigen sie, zwei Azubis und ein Sublabel.

Und wie profitabel ist das? Ein Label zu haben, sagen sie, das sei eine Win-Win-Situation. Denn die Künstler, die sie unter Vertrag hätten, die hätten sie da auch aus Eigennutz, weil sie sie bewunderten, weil sie auch gerne so Musik machen würden wie sie, es aber nicht könnten. Manchmal auch technisch nicht. Aber so, unter dem Monkeytown-Dach färbe etwas von dem Glanz der Anderen auf sie ab. Noch mal nachgefragt: Und wie stehst um den finanziellen Gewinn? Was macht den größten Anteil ihrer Einnahmen aus?

Sie könnten nicht sagen, wie sich das aufschlüsselt, sie seien für die Künstlerbetreuung zuständig, A&R, etliche Demos hören, absagen, einladen. Und wenn einer der Familienmitglieder mal in einer Lebenskrise stecke, was Schlechtes abliefere, dann müssten sie ihn zurückholen. Schwierig sei das manchmal.

Und wie halten sie es mit dem Streaming? Beantworten sie mit: Interessiert uns nicht. Uns interessieren Inhalte. Sie halten es nicht für verkehrt, ihre Arbeit, auf allen möglichen Kanälen raus in die Welt zu tragen. Die letzte Abrechnung mit Spotify, so Bronsert, sei zum ersten mal höher gewesen, als die mit iTunes.

Jungs, sagt man, seid ihr schon mal gescheitert? Ja, sagt Bronsert, an Udo Lindenberg. 2004 wollten sie mit ihm auf Tour gehen. 30 Jahre Panik Orchester-Tour. Sie sollten, wie Lindenberg gesagt habe, ein bisschen „Scratchi Scratchi“ machen. Nach der Generalprobe haben sie sich aus dem Staub gemacht.

Monkeytown Fest: Moderat, The Notwist, am 5.12.14 Tempodrom um 20 Uhr