Porträt

Eine Frage des Glaubens

Sebastian Blomberg spielt „Karamasow“ in Berlin und arbeitet an seinem ersten Film. Ein Hausbesuch

Diese Adresse hält fit und schreckt ab: eine Dachgeschosswohnung ohne Aufzug, ein wunderbarer Blick über die Sonnenallee, nur an diesem Dienstag leider ohne Sonne. Der Paketbote erspart sich die Treppen, Sebastian Blomberg bekommt eine Nachricht aufs Handy: Er könne die Sendung in seiner Postfiliale abholen – und rätselt, wo die sich befinden könnte. Erst mal aber kocht der Schauspieler Tee, weil der Gast diesen Wunsch geäußert hat. Das Gespräch beginnt an einer Art Tresen, der den Übergang von der Küche in das Wohn- und Arbeitszimmer markiert. An der Wand hängt ein eingerahmtes Filmplakat: „Dunckel“. Für sein Abschlusswerk an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin erhielt Regisseur Lars Kraume 1998 den Adolf-Grimme-Preis – Sebastian Blomberg spielte mit, eine seiner ersten Filmrollen. Auf dem Boden liegt ein kleiner Metallkoffer, handgepäcktauglich.

Der Schauspieler pendelt häufiger zwischen Berlin und München. Dort am Residenztheater war er im Ensemble. Beim Theatertreffen im Mai war er in Berlin zu sehen. Mit Heiner Müllers „Zement“ wurde das Festival eröffnet: Blomberg als Schlosser Gleb Tschumalow, der aus dem Bürgerkrieg heimkehrt und das Zementwerk wieder aufbauen will. Großes Spiel, leichte Ironie. Mittlerweile hat er sein Engagement am Resi gelockert, um mehr Zeit für andere Projekte zu haben. Beispielsweise für „Karamasow“. Am morgigen Donnerstag hat die Inszenierung nach dem Roman von Fjodor Dostojewski über drei Brüder und ihren Vater, über Kinder, Tiere, einen Mord und Fragen des Glaubens Premiere in den Sophiensälen. Mit einer schönen Besetzung – darunter Devid Striesow, Ursina Lardi und Ernst Stötzner.

Sebastian Blomberg freut sich diebisch, dass André Jung, ein Kollege von den Münchner Kammerspielen, seinen Hund spielt – „unverwechselbar und selbstverständlich nicht domestizierbar“. Regisseur Thorsten Lensing hat die Kinder- und Tiergeschichten aus dem über 1000-seitigen Buch für die Bühnenfassung herausgelöst. Die Rolle des 13-, eigentlich schon 14-jährigen Kolja – das ist für ihn ganz wichtig – hat Sebastian Blomberg übernommen. Ein Kind, das glaubt, sich schon in der Welt der Erwachsenen zu bewegen, aber doch nur die Worte wiedergibt, die es aufgenommen hat.

Ob die religiösen Diskurse beim Berliner Publikum zünden werden? Blomberg hat da Zweifel. Er hat vor einigen Jahren in einer Claudel-Inszenierung gespielt, die Arbeit von Stefan Bachmann lief auch am Maxim Gorki Theater. „Ich habe in ratlose Gesichter geschaut“, sagt Blomberg. In Düsseldorf hingegen sei die Aufführung eingeschlagen wie eine Bombe.

Auch am Deutschen Theater und an der Volksbühne hat er schon gespielt, das Haus von Frank Castorf atmet für ihn einen ganz besonderen Geist. Das liegt wohl an seiner Zusammenarbeit mit dem im vergangenen Jahr gestorbenen Regisseur Dimiter Gotscheff, dessen letzte Arbeit „Zement“ war. Blomberg imitiert die Stimme des gebürtigen Bulgaren, der bei Benno Besson Assistent gewesen ist und viele Geschichten aus der Volksbühnen-Zeit vor der Ära Castorf erzählt hat.

Draußen herrscht Krieg

Blomberg, 1972 in Bergisch Gladbach geboren, Abitur am Internat Schloss Salem, ausgebildet am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, pendelt souverän zwischen Bühne und Film. Er wurde mit dem Thriller „Anatomie“ bekannt und mit der Kapitalismussatire „Zeit der Kannibalen“ in diesem Frühjahr gefeiert. Er spielte – wiederum an der Seite von Devid Striesow – einen etwas verpeilten Unternehmensberater, der in seinen Jetset-Job so involviert ist, dass er nicht weiß, wo er gerade ist, und nicht mitbekommt, dass draußen vor dem Fünfsternehotel Bürgerkrieg herrscht – und auch das Goethe-Institut nicht helfen kann.

Und jetzt, findet Sebastian Blomberg, ist es an der Zeit, einen eigenen Film zu drehen. „Eine sehr, sehr schwarze Komödie über einen Versicherungsbetrug, die im tiefsten Bayern spielt.“ Er hat im Sommer ein Treatment geschrieben und dafür eine Drehbuchförderung bekommen. Bis Mitte Februar soll das Skript fertig sein, das hat er sich zum Ziel gesetzt: Den Tag um acht Uhr beginnen und sich dann in die Staatsbibliothek zurückziehen, um ungestörter schreiben zu können. Übrigens ein Tipp von Regisseur Lars Kraume.

Sophiensäle, Sophienstr. 18, Mitte. Tel: 283 52 66. Premiere: 4.12., 19.30 Uhr.