Kino

Rosen statt Neurosen

Woody Allen ist jetzt 79 Jahre alt und dreht unermüdlich weiter. Film Nr. 45, „Magic in the Moonlight“, ist eine verklärte Art-déco-Romanze

Woody Allen ist noch zu haben. Nein, das klingt zu zweideutig, der Regisseur ist ja in festen Händen. Dann vielleicht so: Woody Allen ist käuflich. Immer wieder betont er, wo er eingeladen werde, da ginge er auch hin, um einen Film zu drehen. Er würde dafür auch nach Berlin kommen. Dort fragt ihn nur keiner. Eine verpasste Chance? Wie das aussehen könnte, ist zu sehen in den ersten Minuten seines neuen Films „Magic in the Moonlight“, der am morgigen Donnerstag in die Kinos kommt.

Der Film beginnt im Berlin des Jahres 1928. In einem „Berlin Theater“ lässt ein chinesischer Zauberer Frauen zersägen und Elefanten verschwinden, nur um sich in der Garderobe als Colin Firth zu entpuppen. Danach geht es in ein Variété, das an den Berlinfilmklassiker „Cabaret“ erinnert. Für ein paar Sekunden singt Ute Lemper ein Chanson auf Deutsch, dann gibt’s noch „Mackie Messer“ vom Pianola. Das war es dann aber auch schon mit Berlin. Der Film wechselt recht schnell nach Südfrankreich, an die sonnige Côte d’Azur.

Früher hat man unterschieden zwischen den lustigen und den ernsten Woody-Allen-Filmen. Und zwischen den Filmen mit und ohne den Regisseur in einer Rolle. Inzwischen gibt es noch ein drittes Unterscheidungsmerkmal: die Filme aus der Neuen und die aus der Alten Welt. Das Klischee vom Stadtneurotiker, der für sein filmisches Terrain nicht mal den Big Apple, sondern eigentlich nur ein paar Häuserblocks von Manhattan braucht, ist längst perdu. Seit er „Match Point“ (2005) überraschend in London drehte, hat er nach und nach Spanien („Vicky Cristina Barcelona“), Frankreich („Midnight in Paris“) und Italien („To Rome with Love“) filmisch erobert. In Europa gab es schon immer mehr Woody-Fans als in den USA, es schien nur folgerichtig, sich dort auch zu verankern. Und der permanente Ortswechsel scheint dem Mann, der am 1. Dezember 79 Jahre alt geworden ist, gut zu tun. „Magic in the Moonlight“, Film Nr. 45 nun, ist also ein lustiger Euro-Allen, aber einer ohne den Regisseur als Darsteller.

Ein Zauberer wird verzaubert

Diesmal geht es um ein Thema, das man getrost ein genuin filmisches nennen darf: Magie. Magie macht ja zu einem Gutteil die Faszination des Kinos aus. Und Woody Allen hat sie auch schon zu Genüge beschworen: In „Purple Rose of Cairo“ trat ein Filmstar leibhaftig von der Leinwand herab in einen Kinosaal. In „Zelig“ schummelte sich ein menschliches Chamäleon ironisch durch die Zeitgeschichte. In „Midnight in Paris“ verschlug es einen amerikanischen Touristen jede Nacht ins Paris der 20er-Jahre. Und in „Ich sehe den Mann deiner Träume“ suchte eine ältere Dame ihr Seelenheil bei Wahrsagern.

Aber diesmal geht es um „echte“ Zauberei. Es ist ausgerechnet der britische Berufsmagier Stanley (Colin Firth), der selbst an nichts Übersinnliches glaubt. Deshalb soll er in Frankreich die junge Amerikanerin Sophie (Emma Stone) überführen, von der es heißt, sie sei Medium und Wahrsagerin. Dem zugeknöpften Snob kann man nichts vormachen, er kennt ja alle Tricks. Aber dann weiß die junge Lady doch erstaunlich viele Details über ihn, die keiner wissen kann. Und statt sie zu entzaubern, verfällt der Desillusionist einem ganz anderen Zauber: der Liebe.

Das klingt wie ein Gegengift, wie die Antithese zum vorherigen Allen-Film „Blue Jasmine“. Cate Blanchett hat für diesen zwar zu Recht einen Oscar bekommen, aber das Drama um eine Depressive war doch ein absoluter Stimmungs-Downer. „Magic“ ist in allem das Gegenteil: Er schwelgt im Art déco der 20er-Jahre, er rauscht im Oldtimer an malerischen Landschaften vorbei, und Kameramann Darius Khondji suhlt sich geradezu in flirrenden Sonnenuntergängen und lauschigen Mondstimmungen. Nichts da von Stadtneurotiker, nichts da überhaupt von Stadt. „Magic in the Moonlight“ wirkt wie ein einziger Landurlaub. Hat aber so gar nichts mit einem klassischen Woody Allen zu tun. Rosen statt Neurosen. Und britische Schmallippigkeit statt New Yorker Upper-Class-Attitüde.

Das alles wäre eigentlich ganz hübsch anzusehen. Wenn nur die Bilder nicht so kitschig wie eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung wären. Wenn die Ladies und Gentlemen auch etwas anderes zu tun hätten, als immer nur ihre edle Garderobe zu wechseln. Dass die Art-déco-Blase schon bald in die Weltwirtschaftskrise jäh zerplatzt, wird hier in keinster Weise angedeutet und von keinem echten oder unechten Wahrsager im Entferntesten vorhergesehen.

Es muss noch eine weitere, eine vierte Unterscheidung im woodyschen Œuvre getroffen werden: die zwischen den guten und den weniger guten Filme. Bei 45 Produktionen kann man wahrlich nicht immer ein Meisterwerk erwarten. Und mit 79 Jahren darf einem bei allem Biss auch einmal etwas Altersmilde unterlaufen. „Magic“ ist also ein weniger guter, aber trotzdem nicht ganz schlechter Allen, der allerdings eines doch vermissen lässt: echte Magie. Das Duell zwischen den Hauptdarstellern wirkt doch reichlich ausgedacht. Wobei Colin Firth seine ewige Darcy-Paraderolle als spitzzüngiger Brite fast schon im Autopilot variiert und von der jungen „Spider-Man“-Gefährtin Emma Stone mit Frische und Wucht an die Wand gespielt wird. Wie Scarlett Johansson vor zehn Jahren, scheint nun die 26-Jährige die neue Allen-Muse zu werden.

Unbekümmert ob seiner Jahre hat der Altmeister schon die nächsten vier Filme konzipiert. Und Frau Stone ist auch beim nächsten wieder dabei.