Erinnerungsprojekt

Gedenken an Musiker, die „im Felde blieben“

Konzert in Zehlendorf soll an Komponisten erinnern, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind

Ralph Vaughan Williams hatte Glück, der Krieg machte ihn nur schwerhörig. Der englische Komponist hatte sich 1914 freiwillig gemeldet. Nachdem er erst eine Weile als Sanitäter in Frankreich und auf dem Balkan gedient hatte, versetzte man ihn am Heiligabend 1917 in eine Artillerieeinheit. Wenig später wurde Vaughan Williams verwundet, und die ständigen Bombardements schädigten sein Gehör schwer.

Ein Musikerfreund von Vaughan Williams, der gemeinsam mit ihm auf Forschungsreisen englische Volksmelodien sammelte, schien zunächst Glück zu haben. Der Infanterie , in der der 31 Jahre alte Komponist George Butterworth diente, gelangen immer wieder zaghafte Gebietsgewinne an der Westfront. Noch am 4. August 1916 konnten die Infanteristen einen heftig umkämpften Verbindungsgraben erobern. Ein paar Stunden später, beim deutschen Gegenangriff am frühen Morgen des 5. August, nutzte ein Scharfschütze eine günstige Gelegenheit, um George Butterworth in den Kopf zu schießen.

Welche Sinfonien, Konzerte, Lieder und Filmmusiken, welche Sonaten, Quartette, Opern hätte George Butterworth geschrieben, wenn er nicht gefallen wäre? Niemand weiß es. Aber wie groß sein Potenzial war, wie schmerzhaft die Lücke ist, die er und manch anderer im Krieg gefallener Komponist in der Musikgeschichte nationenübergreifend hinterließen, das soll jetzt, einhundert Jahre nach Kriegsausbruch, ein Erinnerungsprojekt hörbar machen. „Welt“-Fotograf und Reporter Martin Lengemann hat sich mit der Berliner Kammermusikformation Horenstein Ensemble durch die Notenarchive und Bibliothekskataloge gewühlt. Sie suchten nach Musik von deutschen und britischen Komponisten, die zwischen 1914 und 1918 „im Felde geblieben“ sind, wie man das damals in Deutschland nannte. Die besten Stücke werden am morgigen Donnerstag im Primussaal Zehlendorf in der Reihe „Casual Classics“ aufgeführt.

Das Rührende an der Auswahl ist, dass hier nicht einfach nur ständig das Schicksal dräut, ein Weltabschied den nächsten jagt. Natürlich spürt man den Schatten, der über der Entstehungszeit dieser Werke liegt. Aber genauso hört man das Licht, hört man Jugend, Übermut, Glück, Liebe. Das berühmteste Stück des Programms, George Butterworths „Banks Of Green Willow“ für Orchester (im Horenstein-Konzert bearbeitet für Kammerbesetzung), könnte mit seiner sentimentalen Melodie wohl auch als Untermalung für eine „Herr der Ringe“-Verfilmung herangezogen werden – für die Anfangsszenen im Auenland, in denen von Eisen und Blut noch keine Rede ist. Der Komponist nannte sein Stück dann auch „Idyll“.

Die Narbe Europas Primussaal Zehlendorf, Berliner Str. 8-8a, Zehlendorf. Donnerstag, 20 Uhr. Eintritt: 20/15 Euro.