Bühne

Der Heimkehrer

Oliver Reese übernimmt 2017 die Intendanz am Berliner Ensemble und beerbt Claus Peymann

Der eine macht länger, der andere kommt früher: Oliver Reese, 50, beerbt den 77-jährigen Claus Peymann als Direktor des Berliner Ensembles. Allerdings erst im Sommer 2017, denn Reese ist derzeit Intendant am Schauspiel Frankfurt und hat dort einen Vertrag bis 2019. Vorausschauend hat er sich aber eine Ausstiegsklausel hineinschreiben lassen, was ihm den früheren Wechsel und die Rückkehr nach Berlin ermöglicht, wo er bereits am Maxim Gorki und am Deutschen Theater gearbeitet hat. Um keine Vakanz entstehen zu lassen, wird Peymann nicht wie geplant im Sommer 2016 aufhören, sondern ein Jahr dranhängen. Die Personalie verkündete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Montagmorgen im Roten Rathaus, wo auch der Fünfjahresvertrag unterschrieben wurde. Es dürfte Wowereits letzte Amtshandlung als Kultursenator gewesen sein, die als schwierig geltende Nachfolgeregelung für Volksbühnen-Intendant Frank Castorf wird er wohl seinem eigenen Nachfolger Michael Müller überlassen.

Ein „Theater der Autoren“

Eine Vertragsunterzeichnung auf den letzten Metern, eigentlich war schon im Sommer damit gerechnet worden. Es ist ja eher unüblich, dass ein Politiker, der nur noch gut eine Woche im Amt ist, Entscheidungen von dieser Tragweite fällt. Diese Personalie sei eine Herzensangelegenheit von Wowereit, hieß es fast ein bisschen entschuldigend am Rande der Pressekonferenz, die bereits um 9.30 Uhr begann, also zu einer zumindest für Theaterleute untypischen Zeit. Der Witz vom ausgeschlafenen Intendanten machte die Runde. Während Reese hellwach wirkte, schien Wowereit, der am Sonntag die Premiere in der Komischen Oper besucht hatte, der vergangene Abend noch etwas in den Knochen zu stecken. Und Tim Renner, der Kulturstaatssekretär, hatte in seinen 50. Geburtstag reingefeiert.

Der Raum für die Pressekonferenz war nicht gerade überfüllt, was der späten Einladung oder der frühen Uhrzeit geschuldet sein könnte. Der Dramatiker Moritz Rinke war gekommen, er nahm dort Platz, wo normalerweise die Journalisten sitzen. Er wechselte bald die Seite, nachdem Reese sein Konzept umrissen hatte. Er kündigte ein „Theater der Autoren“ an – und der in Berlin lebende Schriftsteller Moritz Rinke wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Funktionsbezeichnung stünde noch nicht fest, aber Rinke werde Teil der Theaterleitung sein, kündigte Reese an. Die beiden kennen sich, der Intendant, der auch Regie führt, hatte in Frankfurt vor zwei Jahren „Wir lieben und wissen nichts“ uraufgeführt, in Berlin läuft das Rinke-Stück am Renaissance-Theater.

Reese möchte „neue Autoren fürs Theater begeistern“, nicht nur in Deutschland, sondern international, und deren Stücke dann auch auf der großen Bühne spielen. Es ist ja momentan so, dass viele Uraufführungen eher in kleinen Spielstätten herauskommen. Und dann auch wieder schnell verschwinden. Dem „Uraufführungswahn“, der auch dem Umstand geschuldet ist, dass viele Theater in der Provinz nur dann überregional besprochen werden, wenn sie etwas Neues bieten, schwor Reese ab. Man könne neue Stücke auch nachspielen. Balsam für lebende Autoren.

Natürlich stellte Reese noch kein detailliertes Programm vor, dazu ist es noch zu früh, er verweist bei seinem Abgang halb scherzhaft schon mal auf seine Spielplan-Pressekonferenz im April 2017. Vorher diagnostizierte er eine gewisse Klassikermüdigkeit. Erprobte Stoffe sollen künftig am Berliner Ensemble seltener gespielt werden – die Kollegen von der Schaubühne und dem Deutschen Theater werden sich freuen. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Bertolt Brecht, der Säulenheilige des Berliner Ensembles, soll eine Stütze des Spielplans bleiben. Und für Heiner Müller, der momentan etwas in Vergessenheit geraten ist, hofft Reese auf eine Renaissance.

Er kennt die Berliner Bühnenlandschaft, hat „sein halbes Theaterleben“ hier verbracht. Es ist eine Heimkehr. Reese, der 1964 in Schloss Neuhaus bei Paderborn geboren wurde, war 1994 mit Intendant Bernd Wilms in die Hauptstadt gekommen. Bis 2001 war Reese Chefdramaturg am Maxim Gorki Theater – dort dramatisierte er unter anderem den Döblin-Roman „Berlin Alexanderplatz“ –, wechselte anschließend gemeinsam mit Wilms ans Deutsche Theater, wo er stellvertretender Intendant wurde. Und das Haus ein Jahr übergangsweise leitete, bevor Ulrich Khuon von ihm das Deutsche Theater übernahm. Reese wechselte 2009 ans Schauspiel Frankfurt, löste dort die umstrittene Intendantin Elisabeth Schweeger ab. Unter seiner Leitung stiegen die Zuschauerzahlen deutlich.

Peymann zitiert Hamlet

Das zu wiederholen, dürfte schwierig werden, denn das Berliner Ensemble gehört seit vielen Jahren zu den bestbesuchten Bühnen in der Hauptstadt. Claus Peymann, der das Haus 1999 übernahm, konnte zwar künstlerisch in Berlin nicht mehr an seine Hoch-Zeiten anknüpfen, sorgte aber verlässlich für gut besuchte Vorstellungen. Ließ die Nachfrage nach einer Inszenierung nach, flog sie aus dem Spielplan – auch wenn es seine eigene war.

Das Haus „steht sehr gut da in Berlin und der deutschsprachigen Theaterlandschaft“, lobte Wowereit den Intendanten Peymann, der am Montag nahezu parallel zu der Pressekonferenz im Roten Rathaus auf einer Betriebsversammlung seine Mitarbeiter über die neuen Entwicklungen informierte. Bei der Veranstaltung im Berliner Ensemble soll Peymann bestens gelaunt gewesen sein, anschließend verschickte er eine entsprechende Pressemitteilung mit Rekordbesuchszahlen und -einnahmen – und einem vielsagenden Hamlet-Zitat am Schluss: „Übrigens: Der kleine Claus und der große Klaus (oder umgekehrt?) sind übereingekommen, den bis 2016 laufenden Vertrag von Claus Peymann um eine Spielzeit zu verlängern. Der Rest ist Schweigen.“