Fernsehen

Extrem spannend, extrem gut gemacht

Die Bilder gehören ins Kino: Der Tatort „Die Feigheit des Löwen“ zeigt drastisch das Elend syrischer Flüchtlinge

Alima liegt tot im Kofferraum. Neben ihr ihr Bruder Ali. Die Mutter der beiden ist vorn im Wagen. Sie hat Pässe dabei, für alle. Die Familie hat mal in Deutschland gelebt, dann wurde sie abgeschoben. Aber da, wo sie herkommen, konnten sie nicht leben. Also hat die Mutter gefälschte Papiere besorgt. Aber jetzt ist Alima tot, und der Schleuser auch. Am selben Tag wird ein dritter Syrer tot aufgefunden. Einer, der längst angekommen ist in der deutschen Gesellschaft. Aber das sind nur zwei der Geschichten, die in „Der Feigheit des Löwen“, dem neuen, extrem spannenden „Tatort“ aus dem Hamburger Umland, erzählt werden.

Bei einem der schwersten Luftangriffe syrischer Kampfflugzeuge auf die Provinzhauptstadt Raqqa sind 95 Personen getötet worden. Das stammt nicht aus dem „Tatort“, das sind die Nachrichten dieser Tage. Millionen von Syrern sind seit Jahren auf der Flucht. Oldenburg, auch das ist keine Fiktion, ist ein Zentrum für syrische Flüchtlinge. Das Schicksal von Ali und Alima, von Passfälschern und verzweifelten Müttern, ist also alles andere als fiktiv. Aber manchmal braucht es Sendungen wie diesen gut gemachten „Tatort“, damit man die Wirklichkeit besser versteht. Damit man begreift, wie wenig man eigentlich versteht von dem Flüchtlingsdrama, den Menschen und der Gewalt.

Die Bilder, die unter der Regie von Marvin Kren entstanden, gehören ins Kino. Dazu hat Friedrich Ani ein kunstvolles Drehbuch voller Symbole und Verweise geschrieben. Allein der Titel „Die Feigheit des Löwens“, wird mehrmals wieder auftauchen. Einmal, als Raja Hoffmann (Daniela Golpashin) zu dem Mann, der ihren Vater umgebracht hat, sagt: „Der Löwe ist ein Feigling in einem fremden Land.“ Einmal als Stofftier in Alis Armen. Falke wird Hoffmann später vorwerfen: „Sie haben den Krieg nach Deutschland gebracht.“ Aber da hat er unrecht. Assads Krieg gegen sein Volk war hier in dem Moment, in dem er in dem vermeintlich fremden Land begann. Auch das erzählt dieser „Tatort“.

Es gibt nämlich noch ein anderes Geschwisterpaar. Zwei Brüder, beide Ärzte. Der eine reist für Ärzte ohne Grenzen, und wie Ali Alima nicht verlassen wird, so lässt auch er seinen Bruder nicht im Stich. Der aber arbeitete im Auftrag des Regimes. Der eine Bruder wird den anderen zusammenschlagen, während im Fernsehen das Land brennt, aus dem sie stammen.

Was dort passiert, hat auch Auswirkungen auf uns. Daran erinnert uns dieser „Tatort“. Solange Kinder wie Alima abgeschoben werden, müssen wir auch in Kauf nehmen, dass wir sie eines Tages tot in einem Kofferraum finden werden.

Tatort Sonntag, ARD, 20.15 Uhr.