Interview

Die Kunst, im Smoking zu radeln

Max Raabe ist auch im Ausland ein Star. Am liebsten singt er aber in der eigenen Sprache. Jetzt legt er ein neues Album vor

„Ich bin nur gut, wenn keiner guckt“ heißt ein Lied von ihm. Bei Max Raabe ist es aber genau andersrum. Man muss ihn hören und sehen, sonst ist das nur der halbe Spaß. Das ergänzt sich jetzt prima. Zu seiner neuen CD „Eine Nacht in Berlin“, seit Freitag im Handel, gibt es auch noch einen Konzertmitschnitt. Und im Februar gastiert der Entertainer wieder im Admiralspalast. Wir treffen den Sänger in Clärchens Ballhaus. Das passt prima als Ort für Max Raabe und den Charme einer älteren Zeit. Aber der Wintergarten, in dem wir sitzen, ist durch eine Ofenheizung derart überhitzt, dass man sich fast in einer Sauna wähnt. Selbst Raabe, sonst immer tadellos gekleidet, greift da zum Äußersten. Und zieht sein Jacket aus.

Berliner Morgenpost:

Ihre neue CD heißt „Eine Nacht in Berlin“. Wie sieht denn eine solche bei Max Raabe aus?

Max Raabe:

Das war erst mal einfach ein schöner Titel. Es gibt da keinen Plan, kein idealer Samstagabend oder so. Ich gehe gern weg oder lasse mich zum Essen einladen. Gestern war ich erst im Theater und habe dann noch mit den Künstlern in der Kantine gesessen. Irgendwann wird man dann rausgeschmissen und sitzt noch ein paar Meter weiter in einem anderen Lokal. Das ist gar nicht so ein wildes Nachtleben, das ich führe.

Für das CD-Cover und den Konzertfilm fahren Sie Fahrrad im Smoking. Wie geht das? Haben Sie das eigens gestellt?

Das geht ganz gut. Das mache ich auch sonst so. Wäre ja peinlich, wenn ich das nur für die Fotos gemacht hätte und ausgerechnet dann auf die Nase geflogen wäre. Unser Konzertfilm wird auch im Ausland veröffentlicht. Deshalb sollten lokale Sehenswürdigkeiten auftauchen, damit man sieht, wo der Film entstanden ist. Die Produktion wollte, dass ich da so vorbeiflaniere. Das fand ich aber langweilig. Deshalb habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt. Und ziehe mir, um das noch ein bisschen interessanter zu machen, den Smoking an.

Für den Konzertmitschnitt war auch auf der Bühne ständig eine Kamera um Sie. Lenkt das ab? Sind Sie, wie in Ihrem Lied, nur gut, wenn keine Kamera guckt?

Eigentlich lenkt das schon ziemlich ab. Ich will ja das Publikum auf meine Seite kriegen. Wenn eine Kamera dazwischen ist, ist das schwieriger. Mir wäre es lieber, wenn die irgendwo am Rande steht. Aber die Bilder sind natürlich spannender, wenn sich auch die Kamera bewegt. Am Ende war es aber gar nicht so schlimm. Die Kamera blieb meistens im Graben. Nur am ersten Abend lief hinter mir an einem Seil eine Kamera entlang. Gegen die ich dann auch prompt zwei Mal gelaufen bin.

Ist so ein Konzertmitschnitt nicht Gift für die Kasse? Kommen die Leute denn noch in die Live-Konzerte, wenn sie das schon bei der CD gratis sehen können?

Naja, live ist das ja schon noch mal etwas anderes. Und das wird dann ja auch nicht das identische Programm. Was wir im Februar genau machen, kann ich Ihnen jetzt noch gar nicht sagen. Ich hoffe doch, das Filmmaterial funktioniert eher andersherum, als Ermutigung, auch in die Konzerte zu kommen.

Sie bleiben dem Admiralspalast treu. Müssten Sie nicht längst in der Philharmonie auftreten?

Haben wir ja schon gemacht. Die Philharmonie ist für uns aber gar nicht so günstig, weil das Publikum dort auch hinter und neben uns sitzt. Wir brauchen jedoch die Guckkastenbühne, die Zuschauer müssen sehen, was wir machen, sonst ist der Spaß weg.

Sie reisen durch die Welt, treten in Fernost, in Russland, wiederholt in der Carnegie Hall auf. Sind Sie ein Weltstar?

Weltstars sind Leute, die, wenn sie in Chicago über die Straße gehen, sofort von Menschenmassen umringt werden. Das ist bei mir nicht der Fall. Wenn ich in Chicago bin, kommt vielleicht mal jemand, der mich im Fernsehen gesehen hat, und fragt, ob ich das wirklich bin. Aber ich werde nicht umringt. Ich bin also kein Weltstar.

Wie ist das, wenn Sie da in aller Ruhe an all den Sehenswürdigkeiten vorbeiradeln? Werden Sie da permanent angesprochen?

(lacht) Dadurch, dass ich auf der Bühne den feinen Pinkel heraushängen lasse, traut sich in Berlin keiner, mich so einfach anzusprechen. Den Vorteil hat das.

Wenn man so viel herumreist, hat ein Berlin-Konzert da noch einen Thrill für Sie?

Gerade. Im Ausland moderiere ich in einer Sprache, die nicht meine ist, und trage die Lieder in einer Sprache vor, die das Publikum nicht versteht. Das fühlt sich doppelt fremd an. Warum der Applaus im Ausland so stark ist wie hier, muss mir auch mal einer erklären. Wenn wir dann wieder in Deutschland ein Konzert geben, empfinde ich das als echte Wohltat, als Geschenk, wenn die kleinste Nuance sitzt, wenn jede Süffisanz und Doppeldeutigkeit verstanden wird. Es ist beglückend, wenn man sich in seiner Muttersprache suhlen kann.

Ihre Welt sind die 20er- und 30er-Jahre. Benutzen Sie eigentlich so neumodischen Schnickschnack wie ein Handy?

Ich benutze bevorzugt Mobiltelefone meiner Kollegen. Aber ich habe noch nie eine SMS geschickt. Mir sind mein Freundeskreis und die Familie sehr wichtig. Aber das funktioniert eigentlich auch ohne Telefon ganz gut.

Und wie steht es mit Computern?

Da bin ich durchaus im 21. Jahrhundert angekommen. Sie glauben gar nicht, wie viele Orchestermaterialien und alte Aufnahmen man bei Youtube findet.

Dann geht Ihnen das Repertoire auch nicht aus? Ich dachte, das könnte sich irgendwann einmal erschöpfen.

Wir finden immer noch etwas. Es kommen ja aber auch immer ein paar eigene Stücke dazu. Wir haben inzwischen auch ein Repertoire von über 500 Stücken. So dass wir schon in unsere eigenen Archive gehen können. Da findet man plötzlich Sachen, die hat man seit zehn Jahren nicht mehr gemacht.

Sie sind ein staatlich geprüfter Opernsängern. Angenommen, die Komische Oper würde heute anrufen und Ihnen eine Partie anbieten, würde Sie das jucken?

Ich gehe auch gern in die Oper. Aber das lieber passiv. Als Opernsänger kannst du nachts nicht um die Häuser ziehen, das kann man sich stimmlich nicht erlauben. Ich bin mit dem, was ich mache, absolut glücklich.

Das Album Max Raabe: Eine Nacht in Berlin. CD + DVD (We Love Music)

Der Film Arte, 7.12., 18.30 Uhr

Die Show Admiralspalast, 24. Februar bis 15. März 2015.