Konzert-Kritik

Martha Argerichs Klavierspiel gleicht einer Naturgewalt

Riccardo Chailly steht am Pult der Berliner Philharmoniker

Klavierlegende Martha Argerich war sieben lange Jahre den Berliner Philharmonikern ferngeblieben. Wie eine pompöse Ankündigung ihrer Rückkehr wirken nun die letzten Takte von Mendelssohns „Ruy Blas“ in der Philharmonie. Gastdirigent Riccardo Chailly stemmt diese eher unbekannte Konzertouvertüre schwungvoll und bündig. Er verleiht der Partitur ungeahnt dramatische Schärfen.

Und dann wird es feierlich: Unter großem Applaus schreitet Martha Argerich zum Steinway. Ihre wallende graue Mähne streift bei den tiefen Verbeugungen beinahe das Podiumsholz. Und schon in den ersten Takten von Schumanns a-Moll-Klavierkonzert op. 54 offenbaren sich Argerichs große Stärken: das blitzschnelle Umschalten von feurig stechenden Akzenten zu vollendeter poetischer Beschaulichkeit, von brodelnden Basslauten zu exquisit perlenden Arpeggien. Martha Argerichs Klavierspiel gleicht einer Naturgewalt. Wild und edel, durchdrungen von urwüchsiger Schönheit, aber auch von einer ordentlichen Portion Ingrimm. Dies ist kein Schumann der Gefälligkeiten und freundlichen Schmeicheleien. Es ist ein aufgerauter, ja zähnefletschender Schumann.

Die Philharmoniker haben keine leichte Aufgabe zu bewältigen, denn Martha Argerich überrascht immer wieder durch plötzliche Unberechenbarkeit. Der selbstbewusste Chailly nimmt sich spürbar zurück, hält die Musiker trotzdem konzentriert zusammen. In Argerichs Solokadenz beschleicht das Publikum Wehmut: Ach, wie gerne würde man mal wieder der puren Soloklavierkunst der Argentinierin lauschen! Doch leider hat die 73-Jährige schon seit gefühlten Ewigkeiten von Klavier-Recitals Abstand genommen. Umso dringlicher die Forderung ihrer Fans nach einer Zugabe an diesem Abend. Lange lässt sich die Pianistin bitten, dann stürzt sie sich in Schumanns „Traumes Wirren“ aus den Fantasiestücken op. 12. Ein wirbelnder Drahtseilakt über gähnendem Abgrund – kongenial verschroben, berückend kapriziös.

Und Riccardo Chailly? Nach dem Auftritt der Argerich eilt er als gepanzertes Alphatier zurück. Zur Freude der Musiker steht Rachmaninoffs effektgeladene Dritte Sinfonie op. 44 an. Aber Chailly lässt den Philharmonikern nur wenig Zeit zum Atmen. Unerbittlich treibt der italienische Maestro die Musiker durch die Partitur. Die Streicher wühlen und schürfen, die Bläser feuern aus allen Rohren, das Schlagwerk explodiert. Chailly verbannt die üblichen Filmmusik-Panoramen aus den Noten, er reißt alle vertraut-kitschigen Fassaden herunter. Ein bissiger, gnadenlos expressiver Rachmaninoff ist zu erleben.