Konzert-Kritik

Marianne Faithfull singt und plaudert im Tempodrom

„Berlin ist mein!“ Man muss schon Chuzpe haben, um als britische Sängerin ein Konzert mit diesen Worten zu eröffnen. Und Humor, um sogleich den Titel „Give My Love To London“ anzustimmen. Marianne Faithfull hat beides zur Genüge und noch weitaus mehr. Sie ist eine Grande Dame des Rock’n’Roll, eine Ikone, eine Überlebende der Hippiegeneration, eine Wiederauferstandene nach Selbstmordversuch und Drogenruin. In gewisser Weise gehört Berlin wirklich zu ihr, denn hier lernten sich ihre Eltern kennen, bevor sie vor den Nazis ausgerechnet nach Wien flüchteten, wie Faithfull mit sarkastischem Gelächter erzählt. Wenn sie sagt, sie sei sehr glücklich, in Berlin zu sein, es mache sie im Grunde glücklich und traurig zugleich, dann ist das diesmal keine Allerweltsansage.

Dem Eröffnungsstück folgen das brüchig-orchestrale „Falling Back“, der 35 Jahre alte Klassiker „Broken English“ mit seinem rastlosen Bass und selten performte Songs wie der beschwingte „Witches’ Song“ oder bluesrockend „The Price Of Love“. Natürlich ist es Faithfulls unnachahmliche Stimme, mürbe und lädiert, schauerlich melancholisch und betörend direkt, die aus jedem Stück erst macht, was es ist. Selbst aus „Marathon Kiss“ – eine schmalzige Rockballade könnte es sein – gewinnt Faithfull Liebesschmerz auf bittersüßen Harmonien.

Hinter dem Mikrofon steht ein Stuhl auf der Bühne im Tempodrom, in den sich die Faithfull ab und zu setzt, denn nach einem erst langsam verheilenden Knochenbruch fällt ihr das Stehen immer noch schwer. Aber auch darüber frotzelt sie mit ihrem staubtrockenen Humor und plaudert sich im Kreise ihrer vierköpfigen Band weiter von Song zu Song.

Irgendwann sind wir in der „Junkies’ Corner“ angelangt, und die wird mit dem unerlässlichen „Sister Morphine“ von 1969 eröffnet, ein Megahit auch für die Rolling Stones, um dessen Mitautorenschaft Faithfull einst erst einen Rechtsstreit mit Mick Jagger führen musste. Eine Version spielt die Band wie einen Trip im Zeitraffer: Vom angsterfüllten Schwelgen über depressive Exzesse bis zu erlösten Harmonieschwaden dehnt sich das Klangbild.

Ihre überreiche Lebenserfahrung fasst Marianne Faithfull mitunter in ergreifend schlichte Worte. „Life goes on until the end“ – das klingt so weise aus ihrem Mund. Nach dem Superhit „The Ballad Of Lucy Jordan“ endet der Abend mit dieser schwermütigen Textzeile. Der ganze Saal steht ehrfürchtig.