Konzert

Tiere, Tod und viel Pathos

Sänger Morrissey ist in Berlin aufgetreten – und er spielt diesmal länger als 25 Minuten

Er ist nur einer aus dem Publikum, und doch ist er wie fast alle hier. Sein Haar meliert, er trägt Suspenders, die stehen ihm gut, und er riecht so maskulin. Aber man täusche sich nicht, er war mal „sixteen, clumsy and shy“. Und immer wenn er besonders traurig war, dann hörte er den Moz. So nennt er ihn. Ganz vertraut. Denn er war immer dabei. Moz, das ist der König der Clubs, Hüftschwung auf dem Rasen, kein Sport – Poesie. „Morrissey! Morrissey! Morrissey!“ skandiert der Fan mit Suspenders. So gut gekleidet und doch so großmäulig mit dem Bier in der Hand, er kleckert, er trinkt, Dandy und Hooligan zugleich.

Vor der Morrissey Show ist auch eine Morrissey Show: Video Show. Moz zeigt den Zauberer vom Oz. Er zeigt die, die für ihn gestorben sind. Die Thatcher, die Stierkämpfer. Und dann die, die ihm unsterblich sind. Charles Aznavour und auch die New York Dolls. Und dann fällt der Vorhang. Das Publikum steckt Spiegel und Kamm in die Hosentaschen, alle sind jetzt ultra, alle sind jetzt Fankurve. Er ist da. Er singt. „The Queen is dead.“ Der King aber, der lebt. Auch ohne Plattenlabel. „Fuck Harvest Records“ trägt sein Bandgefolge auf der Brust.

Ihr Morrissey ist ganz in weiß, tief dekolletiert wie Elvis in Vegas. Vor blinkenden LEDs gibt er den großen Master, wirbelt mit der Mikrofonschnur, singt „Suedehead“: „Warum kommst du hier hin? Warum hängst du hier rum?“ Und niemand hier fragt sich das. Morrissey sagt, Berlin ist schön, aber wenn ihr die Stadt trotzdem verlassen wollt, ist das schon okay, geht nur nie nach England. Morrissey, das ist noch immer der larmoyante Junge auf dem Rücksitz des Lebens, der bettelt, er will nach Hause, aber doch bloß nie ankommen.

„How Soon Is Now?“ Der Drummer verschwindet in einem einzigen Wirbel, härter, wie eine Schiffsschraube durchs Meer, wühlt sich die Songlegende durch das Publikum. „Da ist ein Club, du könntest dort jemanden kennenlernen, der dich wirklich liebt, du gehst hin, du stehst allein rum, du gehst heim, du weinst, du willst sterben.“ Das Publikum blickt in die letzte Pfütze seines pubertären Weltschmerzes. Alles ist, wie es immer gewesen ist. Man wallt in Morrissey-Melancholie, bis mit „Meat is Murder“ die vegane Aufklärungsstunde geschlagen hat. Massentierhaltungsshow. Mit großer Geste donnert der Sänger: „This beautiful creature must die.“ Tiere, Tod und Pathos. Dem blassen Publikum bleibt das Milcherzeugnis belasteter Käsebrezel im Rachen stecken. Der König ging doch in Warschau nach 25 Minuten vom Hof, als im Publikum jemand irgendwas über Fleisch rief, erinnert man sich. War doch so, oder? Aber in Berlin, zum Glück, da bleibt er. Bis zur Zugabe.

Der Ringleader trägt jetzt schwarz und singt: „Lass mich schlafen, weck mich nicht, sorge dich nicht um mich, tief im meinem Herzen, bin ich froh zu gehen.“ Es ist „Asleep“, der gleiche Song wie 1985, aber doch ist etwas anders. Der König hat Krebs. Es hat sich was verschoben. Die Welt ist jetzt nicht mehr eklig und der Tod ideal, sondern der Tod eklig echt. Und so trocknet die letzte Pfütze pubertärer Weltschmerz nach 90 Minuten ein. Dann gehen alle heim und sind allein und glücklich. Erwachsen ist besser, wissen sie. Und der König überlebt.