Konzert

Der Schotte mit der schwarzen Stimme

Jede Menge Soul: Sänger Paolo Nutini tritt in der Columbiahalle auf

Gerade mal 27 Jahre alt ist der schottische Sänger und Songschreiber Paolo Nutini, doch seine raue Stimme klingt, als hätte er sein Leben längst gelebt. Ach was, drei davon. Mit „Scream“ (Funk My Life Up)“ vom neuen Album „Caustic Love“ eröffnet er am Dienstagabend sein Konzert in der Columbiahalle. Der 3500-Plätze-Saal ist prall gefüllt und wogt im emotionsgeladenen Groove, den der schlaksige Sänger und seine neun Musiker vorgeben.

Gerade mal drei Alben hat er in den vergangenen acht Jahren veröffentlicht, allesamt mit Platin veredelt. „Caustic Love“ erschien vor kurzem nach fünf Jahren Pause. Paolo Nutini lässt sich Zeit mit seiner Musik. Er lässt die Stücke reifen. „Good Evening“, ruft er nach dem beseelten „Let Me Down Easy“, auch eines der neuen Stücke, in die Halle, hebt sein Glas und schickt ein fröhliches „Cheers!“ hinterher. Mehr als die Hälfte des Programms wird von neuen Stücken bestimmt.

Als Sohn einer schottischen Mutter und eines italienischen Vaters in Paisley geboren, scherte er schon früh aus der Familientradition aus. Die Eltern führen in vierter Generation einen Fish-&-Chips-Imbiss in Paisley und der Wunsch lag nahe, dass der Sohn das Geschäft übernehmen wird. Doch der war längst an die Musik verloren. Sein folkversierter Großvater bestärkte und unterstützte ihn dabei. Und die Eltern mussten einsehen, das ihr Sohn eine andere Straße auf dem Weg zum Glück eingeschlagen hat. Er versuchte sich zunächst an schottischen Folksongs und verzehrte sich an der Musik von David Bowie oder Joe Cocker, den Beatles oder Oasis. Er zog von Glasgow nach London. Er tingelte durch die Clubs. Er machte auf sich aufmerksam. Gerade mal 18 Jahre war Nutini alt, als er seinen ersten Plattenvertrag in Händen hielt.

Großartige 90 Minuten

Er singt „Coming Up Easy“ vom 2009 erschienenen „Sunny Side Up“-Album, eine lässig pulsierende Ballade mit Sixties-Flair. Seine Band The Vipers stärkt ihm auf coole Weise den Rücken. Sie macht ordentlich Druck, weiß aber auch, wann sie sich zurücknehmen muss. Drei Bläser gehören dazu, zwei Gitarristen, ein Keyboarder, Bass, Schlagzeug und eine Chorsängerin. Selbst bei zeitgemäß poppigsten Melodien schwingt immer die Kraft des Soul mit, Nutini schwelgt und phrasiert wie einst die Großen von Sam Cooke über Ben E. King und Otis Redding. bis zu Marvin Gaye. Der weiße schottische Entertainer hat seine Lektion in Sachen Black Music gelernt.

Der Sound in der Columbiahalle ist, wenn man nicht gerade unter dem Balkon steht, von erster Güte. Die Lichtregie ist aufwendig und imposant, sechs zusätzlich auf der Bühne postierte Scheinwerfer, die an monströse Pauken, an gewaltige Trommeln erinnern, sorgen für atmosphärisch gleißende Momente.Selbst im etwas ruhigeren Mittelteil, in dem Nuini zur Akustikgitarre greift, ist dieses unruhige Kribbeln, diese unbändige Lebenslust zu spüren, die in den Songs steckt. Wie bei „Better Man“, einer neuen Ballade, in der er „That girl makes me wanna be a better man“ schmachtet und die sich mit Chorgesängen mehr und mehr auftürmt wie ein Gospelsong.

Nutini findet Halt am Mikrofon. Das Stativ gibt ihm Sicherheit. Er ist keiner, der sich viel bewegt auf der Bühne. Wenn er singt, hat er die Augen meist geschlossen und hört ganz auf seine Emotionen, kehrt sein Innerstes nach außen. Aber nie zu viel davon. Der bewegende neue Song „Iron Sky“ steht am Ende dieser großartigen 90 Minuten. Das Stück ist ein Aufruf, die Angst zu überwinden für ein Leben in Frieden, eigebettet ist die Rede Charlie Chaplins aus „Der große Diktator“: „You, the people, have the power to make this life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure.” Der Applaus ist hingebungsvoll und langanhaltend.

Natürlich kehren Paolo Nutini und Band noch einmal zurück zu einem längeren Zugabenteil, in dem es neben „Tricks of the Trade“ und „Candy“ als letztes Stück auch seinen ersten großen Erfolg „Last Request“ vom Debüt-Album „These Streets“ gibt. Er singt die Ballade allein zur Gitarre, dieses Liebeslied von der letzten Nacht mit einem geliebten Menschen, bevor sich beider Wege trennen. Es wird still vor der Bühne. Pärchen liegen sich im Publikum in den Armen. Paolo Nutini weiß, wie man Emotionen schürt, er ist eine Ausnahmeerscheinung im Popgeschäft.