Ehrung

Der Preisträger kritisiert die „Quotenpornografie“

Jürgen Holtz wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet

Die Nation kennt ihn aus dem Fernsehen als Wessi-„Motzki“ mit verhasster Ostverwandtschaft. Die satirische Serie mit gesamtdeutschem Mega-Genörgel war Kult der 90er-Jahre. Da ist Jürgen Holtz für Theatergänger längst schon ein Begriff. Denn der 1932 in Berlin geborene Schauspieler zählt zu den ganz Großen seiner Zunft, war an mehreren großen deutschen Theatern engagiert, darunter am Berliner Ensemble, den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Frankfurt. Jetzt wurde er mit dem mit 5000 Euro dotierten Konrad-Wolf-Preis für darstellende Kunst geehrt, den die Akademie der Künste jährlich vergibt auf Beschluss einer Jury, der diesmal Jutta Hoffmann, Jutta Wachowiak und Ulrich Matthes angehören. Der Preis, benannt nach dem bedeutenden DDR-Filmregisseur („Solo Sunny“), wurde 1986 gestiftet von jenem Staat, an den der Geehrte übergroße und alsbald bitter enttäuschte Hoffnungen band und der ihn derart quälte, dass er ihn wutentbrannt verließ.

Zu Beginn des Festakts am Hanseatenweg gab es das von Sarkasmus, Polemik und Weisheit durchzogene Filmporträt von Jürgen Knauf „Holtz. Gespräche um nichts und alles“. Es zeigt den grantlerischen Großkönner mit entsetzt aufgerissenen Augen, dem strengen, scheinbar alles hinterfragenden Blick und den traurig hängenden Wangen (keine Heldenstatur!) auf seiner Datsche. Dort plaudert er anekdotisch von Dresen, Gosch, Schleef bis Wilson, offenbart sich als toller Freizeitmaler, vollführt ein minimalistisches Tänzchen nach Beethoven-Musik und polemisiert gegen jedwede programmatisch zweckbestimmte Arbeit auf der Bühne. Motto: Raus aus der Darstellerei, rein ins freie, erfindungsreiche Spielen, ohne sich dabei jenseits des Textes zu verlieren. Schön schwierige Sache, doch der einzige Weg zur Kunst wahrhaftiger Menschendarstellung, sagt Holtz. Aber er kann’s!

„Jürgen Holtz ist ein Kollege, der mit der Fähigkeit versehen ist, seine ganz persönliche Auffassung von der Figur auch radikal persönlich beizubehalten“, erklärte Jurorin Jutta Wachowiak bei der Preisverleihung. Dann Übergabe des Preises nebst Blümchen durch den Kollegen Ulrich Matthes.

Und nun legt Holtz los mit der Danksagung. Es wird eine Brandrede gegen eine Gesellschaft, die sich an der „Quotenpornografie“ ergötzt und die gesellschaftsstiftende Rolle des Theaters als Verständigungsmittel kaputtspart. Dann Holtzens Schwierigkeiten mit Theaterleuten, ihrer Ignoranz des Publikums, ihrer sensationsheischenden Abgehobenheit. Dennoch sei das Theater nicht tot zu kriegen. Womöglich müsse es sich neu erfinden „als Ort magischer Belebung der Toten sowie der Worte der Dichter“. Stehende Ovationen für einen großen alten Herrn des Theaters, der sagt, wie es weitergehen könnte mit diesem wundersamen, so erhellenden wie irritierenden Spiel der Schauspieler, die alles Herrliche des Lebens verschenkten, aber auch alles Böse.