Literatur

Lebensansichten eines verzogenen Bonzen

Noah Klaus gewinnt die Poetry Slam Meisterschaften Berlin

Klatscht die Poesie in das Berliner Ensemble“, rufen die Moderatoren Daniel Hoth und Sarah Bosetti von der Bühne. Das Publikum lässt sich nicht lange bitten, es wird ordentlich laut in dem barocken Saal. Selbst die Stehplätze auf der Empore sind belegt, rund 700 Menschen drängen sich in das Berliner Ensemble zur Poetry Slam Meisterschaft Berlin-Brandenburg.

Die poetische Konkurrenz ist stark an diesem Abend. Julian Heun etwa, er ist seine ganze eigene Mischung aus lauter Rampensau und liebenswertem Schwiegersohn. Routiniert läuft er über die leere Bühne zum Mikrofonständer. In der Vergangenheit konnte er bereits zwei Mal die seit 2008 ausgetragene Dichtermeisterschaft für sich entscheiden. Das Publikum zieht er innerhalb von dreißig Sekunden auf seine Seite, als er von seiner Freundin erzählt, die sich von ihm getrennt habe. Jetzt bittet er mit Erfolg darum, ihren Neuen auszubuhen. Sein Text selbst erzählt dann davon, wie aus dem unglaublich „zarten und sensiblen Kind“ Heun ein überaus harter Poetry-Slam-Dichter wurde. 41,6 Punkte gibt ihm die Jury und damit 1,8 Punkte mehr als seinem Konkurrenten, damit ist Heun in der nächsten Runde. Dass es nicht immer ganz gerecht zu geht bei solchen Wettbewerben, beziehungsweise, dass man auf die Objektivität einer Publikumsjury so wenig geben kann wie auf jede andere Preisjury, das beweist das sofortige Ausscheiden von Nick Poetter. Denn wer könnte besser erklären, was eine „Dystopie“ ist als er? „Jeder singt wie Helene Fischer, aber keiner sieht so aus.“

Ganz verschieden sind die Vortragsweisen und Texte der acht Wettbewerber, da sind die fast gerappten Verse, Wortspielereien, Bezüge auf die griechische Mythologie und auf Hollywoodfilme, manch einer ist mehr Stand-up-Comedian als Poet, andere wiederum schlagen nachdenkliche Töne an. Dem Sieger des Abends, der 21-jähriger Student Noah Klaus, gelingt das so gut, dass das Publikum im Berliner Ensemble zum Ende seines Vortrags trampelt, klatscht und pfeift. „Lebensansichten eines verzogenen Bonzen“ heißt sein ebenso lustiger wie intelligenter Text, in dem er als Sohn eines Waffenfabrikanten vom Starnberger See auftritt und sich sein Übermaß an Freizeit unter anderem damit vertreibt, dass er bei Schnitzeljagden verzweifelte Hartz-IV-Empfänger nach Geldscheinen suchen lässt. Noah Klaus nimmt von den Moderatoren eine riesige Sektflasche entgegen, schießt den Korken in den Saal und dann macht die Pulle unter den Poeten die Runde.