Konzert

Eine Maske von Weichheit

Trompeterin Alison Balsom bleibt unter ihren Möglichkeiten

Ohne Dirigenten spielt das Kammerorchester Festival Strings Lucerne an diesem Abend im Konzerthaus. Das ist ungewöhnlich, zumal das immerhin 20-köpfige Ensemble durch etliche Bläser ergänzt wird. Musikalisch gesehen bekommt man schnell heraus, warum es so gut funktioniert. Der Leiter und Erste Geiger Daniel Dodds unternimmt nicht zu viel und nicht zu wenig, auf jeden Fall das Richtige, um die Kollegen zu inspirieren und ihnen die Richtung vorzugeben. Die Haltung und Verbindung untereinander ist eine intime, kammermusikalische.

Neues Album

Organisatorisch kann man es auch gut verstehen, weshalb der Dirigent nicht gebraucht wird: Die Festival Strings Lucerne sind auf Tour. Sie sind nicht zuletzt zur Begleitung der britischen Trompeterin Alison Balsom unterwegs, die auch in Berlin als Star des Konzerts agiert. Griegs „Holberg-Suite“, Bartóks „Divertimento für Streichorchester“ und Josef Haydns „Trompetenkonzert“ haben die Musiker als Ergänzung zu Stücken von Balsoms neuester CD gewählt.

Die Lebendigkeit der Interpretation namentlich der großen Streicher-Stücke von Grieg und Bartók ist beglückend. Man hört nicht die geschlossenen und runden Tonanfänge wie in normal dirigierten Konzerten, dafür jedoch zahlreiche Mittelstimmen, die vom nicht anwesenden Maestro auch nicht zugunsten vermeintlicher Hauptstimmen klein gehalten werden können. Gelegentlich schleppende Bratschen und zweite Geigen finden sich musikalisch kreativ wieder ins Grundtempo ein. Die Trompeterin Alison Balsom, als Frau ein kulturell seit Jahrhunderten mit Männlichkeit, ja mit Krieg assoziiertes Instrument spielend, tritt in der Genderfrage die Flucht nach vorne an. Ihre Performance mit quietschgrünem und hoch geschlitztem Kleid sowie mit High Heels stellt weibliche Attribute offensiv aus, wie um sie bereits vor dem Spiel der Musik abzuhaken.

Schwierige Literatur

Gerade in Erik Saties Klavierstücken aus den „Gnossiennes“ und den „Gymnopédies“ sowie Astor Piazzollas „Oblivion“, alles nett bearbeitet von Balsoms Trompeterkollegen Guy Parker, ist es für den Hörer am schwierigsten, einen Zusammenhang zwischen einer Künstlerpersönlichkeit Balsoms und ihrem Instrument zu erkennen. Der Klang ihrer Trompete versteckt hier sein majestätisches, auch mal grimmiges klangliches Antlitz völlig hinter einer Maske von Weichheit und unspezifischem Lyrismus. Schade.

Balsom hat bereits auf einigen CDs bewiesen, dass sie technisch noch die schwierigste originale Trompetenliteratur spielen kann – am Instrument kann sie scheinbar alles. Wir bekommen im Konzerthaus lediglich durch Haydns berühmtes Solokonzert einen Eindruck davon, dass Balsom nach einem Klang für ihr Instrument sucht.