Fernsehen

Filmisches Monument für Kirsten Heisig

Der ARD-Film „Das Ende der Geduld“ zeigt den mutigen Kampf der Berliner Jugendrichterin

Auf einer Zugfahrt las er 2010 einen Artikel über das Verschwinden von Kirsten Heisig, die als harte Berliner Jugendrichterin bekannt war. Weshalb über Mord spekuliert wurde. Da war auch von einem Buch die Rede, das sie geschrieben habe. Das hat Regisseur Christian Wagner sofort interessiert. Gleich am nächsten Werktag rief er bei dem Verlag an, um sich die Rechte zu sichern. Da aber war die Richterin schon tot aufgefunden worden. Erhängt, mit nur 49 Jahren. Das Buch erschien postum und wurde zum Bestseller. Wagner ließ nicht locker. Und setzte sich gegen viele Konkurrenten durch, die das Buch nun auch adaptieren wollten.

Am Anfang des Films ist sie erst mal am Ende. Gerade hat die Richterin zum wiederholten Mal über ein junges Mädchen ein Urteil gesprochen, da springt diese aus dem Fenster. Das stürzt die Juristin in eine Krise. Ein halbes Jahr lässt sie ihre Arbeit ruhen. Danach will sie wieder arbeiten. Und weiter im Jugendrecht, weil man da, wie sie sagt, „noch etwas machen kann“. Dass ihre Stelle längst neu besetzt ist, schreckt sie nicht. Dann nimmt sie eben die freie Stelle in Neukölln. Ausgerechnet im Problemkiez, wo die Kriminellen Justiz und Polizei auf der Nase herumtanzen.

Die Richterin trägt hier den fiktiven Namen Corinna Kleist, aber in allem die Züge der als „Richterin Gnadenlos“ bekannt gewordenen Kirsten Heisig. Die sich für eine effizientere Rechtsprechung einsetzte und damit auch an die Öffentlichkeit ging. Die durch beschleunigte Verfahren dafür sorgte, dass die Abschreckung beim Jugendlichen auch ankommt. Das „Neuköllner Modell“, das sie ins Leben rief, gilt nun berlinweit. Wie ihr Buch heißt nun auch der Film. Aber da sich Regisseur Wagner auf wenige Fälle beschränken und diese dramatisieren musste, bekamen die Richterin und ihr Umfeld andere Namen.

„Das Ende der Geduld“ tut etwas, was recht einzigartig ist im deutschen Film. Weil er viel zeigt, viel ins Bild rückt, aber nichts auserzählt, nichts übererklärt. Einmal wird erwähnt, dass auch die Richterin Mutter ist, aber ihr familiärer Hintergrund bleibt ausgeklammert. Ein paar Griffe zu Tabletten deuten auf den Burn-out, eine Depression, vielleicht gar eine Sucht hin. Auch ihr Freitod, der so gar nicht zu der kämpferischen Frau zu passen scheint, wird nur angerissen. Und die vielschichtige Person durch den Blick ihres Umfelds in all ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt. Dem Zuschauer wird da keine endgültige Wahrheit serviert, er muss sich schon sein eigenes Bild zusammenpuzzeln. Er ist selbst gefordert. Und muss zu dem Reizthema Jugendkriminalität, das man so gern ausblendet, solang es einen nicht unmittelbar betrifft, eine eigene Haltung finden.

Das größte Pfund dieses klugen Films ist freilich die Hauptdarstellerin. Martina Gedeck, sonst eher abonniert auf betont feminine Figuren, die still in sich leiden, ist mal ganz anders zu erleben, als patente, schlagkräftige, auch aggressive Frau. Keine Richterin Gnadenlos, aber doch eine mutige Kämpferin, die für ihren Beruf, für die Probleme dieser Stadt und für die Kinder gebrannt hat. Und sich dabei verbrannt hat. Der Film setzt ihr, vier Jahre nach ihrem Tod, ein Denkmal. Die Diskussion um ihr Erbe sollte darüber nicht enden. Und wird auch im Anschluss an die Ausstrahlung gleich fortgeführt.

ARD, heute, 20.15 Uhr