Musik

Ein Pianist der Extreme

Er will Endgültiges schaffen: Piotr Anderszewski ist ein Besessener, Klavier spielen ist für ihn wie ein Schöpfungsakt

Eine halbe Stunde nettes Plaudern, dann plötzlich schnellt die Spannung nach oben: „Ist wirklich der Komponist bei einem Konzert das Wichtigste?“ stößt Piotr Anderszewski zweifelnd hervor. Der polnische Pianist, für seine eigenwilligen, hochsensiblen musikalischen Gratwanderungen bekannt, schiebt die Antwort gleich hinterher: „Daran glaube ich nicht.“

Das Pianisten-Ideal, das vollständige Verschwinden des Interpreten hinter dem Werk – nach Anderszewski ist es die pure Illusion. Er spricht von den mächtigen Energien, die das Publikum auf den Pianisten strahle, vom Zusammenwirken Tausender Egos im Konzertsaal, von denen eine Aufführung abhängig sei. „Meine Aufgabe als Interpret ist es, die Balance zwischen all diesen Egos herzustellen.“ Klavierspielen unter diesen besonderen Umständen, so Anderszewski, sei wie ein Schöpfungsakt, dem Komponieren vergleichbar. Aber auch eine kräftezehrende Angelegenheit, wie er am eigenen Leibe erfahren musste: Ausgelaugt von den Konzerttourneen der letzten Jahre, kündigte Anderszewski 2011 eine vierzehnmonatige Auszeit an, ein Sabbatical. Von Krise war damals die Rede. Befürchtungen machten die Runde, Anderszewski würde vielleicht niemals wieder zurückkehren.

Ruf des Exzentrikers

Doch der Pianist hatte alles genau geplant – die Monate vollkommener Ruhe, ohne Klavier, das Reisen in bekannte Länder, ohne Konzertverpflichtungen, das Pirschen durch die New Yorker Großstadt, das Meditieren in einem japanischen Zen-Tempel. Und natürlich auch die drei Monate intensiven Übens vor dem Konzertwiedereinstieg. „Ich glaube nicht, dass ich als jemand anderes aus meinem Sabbatical zurückgekommen bin“, meint der 45-Jährige. Auch Anderszewskis dieser Tage erscheinende neue CD mit Englischen Suiten von Bach – seine erste Studioarbeit seit vier Jahren – habe mit dem Sabbatical nichts zu tun gehabt.

Auf diesem Album zeigt sich einmal mehr, was ihn von anderen Pianisten der Gegenwart unterscheidet: einerseits die Konsequenz, mit der er ganze Sätze von der ersten bis zur letzten Note kraftvoll zusammenspannt, andererseits jene zarte Pianissimo-Sinnlichkeit, die das Zeitgefühl des Hörers auf gleichsam magische Weise außer Kraft zu setzen vermag. Anderszewski ist ein Pianist der Extreme. Nicht selten schneidet er das Asketische und Poetische scharf gegeneinander. Und schickt seine Zuhörerschaft auf abenteuerliche, herausfordernde Reisen. Dass ihm dies zuweilen als Exzentrik ausgelegt wird, überrascht ihn: „Ich versuche, die Musik so zu spielen, dass sie für mich Sinn macht“, so Anderszewski. „Wenn einige Kritiker das exzentrisch finden, kann ich es nicht ändern.“ Nun gut, er neigt zumindest zum Ungewöhnlichen: Beim einzigen Klavierwettbewerb, an dem er teilnahm, spielte er 1990 im Halbfinale Anton Weberns „Variationen op. 27“. Plötzlich brach er ab, verließ wortlos die Bühne. Trat von dem gesamten Wettbewerb zurück. Piotr Anderszewski war mit seinem Klavierspiel unzufrieden gewesen.

Studioaufnahmen sind für den gebürtigen Warschauer aus ungarisch-polnischem Elternhaus gewichtige Ereignisse – viel mehr als das Einfangen eines Moments seiner persönlichen künstlerischen Entwicklung. „Wenn ich eine CD aufnehme, habe ich den Anspruch, Endgültiges zu schaffen“, erklärt Anderszewski. „Es steckt dann die Summe meiner gesammelten Erfahrungen darin.“ Das gleiche Stück zweimal aufzunehmen – das könne er sich nicht vorstellen, auch nicht im Abstand von Jahrzehnten. Selbst Beethovens „Diabelli-Variationen op. 120“, bei denen Anderszewski heute zu diametral anderen Überzeugungen gekommen ist, möchte er nicht noch mal einspielen. Lieber lässt er sich überraschen, welches Stück sich ihm als nächstes anbietet. Und das geschehe, so Anderszewski, vollkommen spontan: „Jede Komposition muss mich überzeugen und persönlich zu mir sprechen, erst dann kann ich anfangen, daran zu arbeiten.“

Das gilt für Anderszewskis Repertoire generell. Es wächst langsam, ohne Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit. Sämtliche Beethoven- und Mozart-Klaviersonaten? Für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Stattdessen überrascht er sein Publikum so manches Mal mit Fundstücken, darunter Halbvergessenes aus der Feder des polnischen Komponisten Szymanowski.

Mit Chopin dagegen hat Anderszewski seine Probleme. Und das, obwohl er 2003 eines der schönsten Chopin-Alben der letzten zwanzig Jahre aufgenommen hat. Als „extrem schwierig“ empfindet Anderszewski den romantischen Komponisten: „Alles ist versteckt in Chopin. Seine Musik befindet sich in ständigem Fluss, Struktur und Logik sind kaum greifbar.“ Beethoven, so Anderszewski, sei für ihn sehr viel einfacher zu interpretieren. Oder auch Robert Schumann. „Mir scheinen deutschsprachige Komponisten irgendwie zu liegen“, lächelt der Pianist. In Zukunft könne er sich durchaus vorstellen, Schumann weiter zu erkunden. Sowohl im Konzertsaal als auch auf CD.

Seine besten Auftritte gelängen, wenn er über ein Werk gar nicht mehr nachdenke. Wenn er mit den Gedanken sogar ganz woanders sei. Bei Beethovens später „Klaviersonate op. 110“ sei ihm das einmal passiert. Er habe sich wie in Trance befunden, konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie er zum Schluss gelangt sei. Aber: „Ich wusste, dass dies der beste Beethoven war, der mir bis dahin gelungen ist.“

Klavierabend Piotr Anderszewski, Konzerthaus, 24. November, 20 Uhr.