Interview

Irgendwo wartet das Grauen

Der neue Thriller des sehr erfolgreichen Berliner Autors Sebastian Fitzek spielt auf hoher See

Sebastian Fitzek ist ein Star in der Thrillerszene. Schon sein Erstling „Die Therapie“ (2006) wurde ein Bestseller. Seine Bücher werden in 24 Sprachen übersetzt und teilweise verfilmt. Der Berliner, Jahrgang 1971, ist Jurist, er promovierte über Urheberrecht und „wollte eigentlich in die Musikindustrie gehen“. Heute lebt der Vater von drei Kindern vom Schreiben und vermarktet sich selbst sehr erfolgreich, auch mit Lesungen an ungewöhnlichen Orten wie etwa in einem Bestattungsinstitut. Hintergrund seines neuen Werks „Passagier 23“ ist, dass jedes Jahr auf Kreuzfahrtschiffen Menschen spurlos verschwinden. Die kanadische Memorial-Universität von Neufundland geht von mindestens 200 Passagieren und Crewmitgliedern aus, die seit dem Jahr 2000 über Bord gegangen sind, wobei die Zahl der Vermissten deutlich höher liegen soll als gemeldet.

Berliner Morgenpost:

Herr Fitzek, was könnte aus den vielen Menschen geworden sein, die auf Kreuzfahrtschiffen spurlos verschwunden sind?

Sebastian Fitzek:

Nach Angaben der Reedereien handelt es sich hier hauptsächlich um Suizidopfer. Ich glaube, dass das in der Regel schon stimmt, aber es gibt auch einige dokumentierte Fälle, wo das nicht der Fall sein kann.

Haben Sie mal eine Kreuzfahrt gemacht?

Ja, mehrere. Ich bin nicht der typische Kreuzfahrtfan, aber ich bin auf genau der Route gefahren, die auch die „Sultan of the Seas“ im Buch nimmt, nämlich von Southampton nach New York. Das dauert zwischen fünf und sieben Tagen. So lange sieht man nichts als Wasser. Das gefällt mir, man erfährt diese ungeheure Weite und tatsächlich die Größe dieses Planeten. Man spürt aber auch, was es heißt, der Ozean sei der Magnet der Depressiven. Wenn man sich gerade mit melancholischen Gedanken trägt, kann man eine suizidale Sogwirkung schon nachvollziehen.

Die Schiffe selbst sind ja so riesig, dass man auch darin verschwinden kann, ohne über Bord zu gehen.

Ja, auf die „Quantum of the Seas“ etwa passen fast 5800 Menschen, davon 4180 Passagiere. Das sind mehr als die Einwohner mancher deutschen Kleinstadt. Alles, was in einer Kleinstadt passiert, kann auch auf so einem Kreuzfahrtschiff passieren. Und es ist eigentlich der Ort für das perfekte Verbrechen: Nirgendwo ist es leichter, eine Leiche zu entsorgen als in dieser Stadt auf dem riesigen Meer.

Ihr Held Martin Schwartz in „Passagier 23“ ist Polizeipsychologe und ein psychisches Wrack. Der Fall führt ihn wieder auf das Schiff, auf dem er seine Frau und seinen Sohn verloren hat. Das klingt nach Katharsis.

Zunächst ist es ein klaustrophobisches Setting. In so einer abgeschlossenen Welt kann keiner weglaufen oder dazukommen. Mich interessiert aber vor allem, wie sich die innere Welt meiner Helden verwandelt durch das, was außen passiert. Es geht weniger um die Reise von Southampton nach New York als um diese innere Reise. Schwartz muss sich erst einmal dem Ort aussetzen, wo alles Übel begann.

Sie beziehen Ihre Ideen aus Alltagserlebnissen oder Begegnungen mit skurrilen Menschen. Wie zum Beispiel?

Letztens klingelte der Postbote und fragte, ob ich ein Paket für einen Nachbarn namens Koslowski annehmen würde. Ich kannte den Namen nicht, nahm aber das Paket. Mein zweiter Gedanke war: Was ist, wenn das jetzt der Anfang eines Thrillers wäre? Wenn es den Koslowski gar nicht gibt oder wenn in dem Paket plötzlich ein Handy klingelt und es keiner abholt? So geht das los. Man hält immer Ausschau nach skurrilen Situationen und Menschen, und man entwickelt da eine selektive Wahrnehmung.

Warum ist Horror in Film und Literatur offenbar wichtig für Menschen?

Generell ist es für uns unglaublich wichtig, zu verdrängen. Wir könnten hier nicht in Ruhe sitzen und reden, wenn wir uns bewusst machen würden, was in jeder Sekunde allein in Hamburg oder in der Welt passiert, sonst würden wir sofort aufspringen, um zu helfen. Aber irgendwann ist der Verdrängungsfilter einfach voll, dann müssen wir uns den Ängsten stellen. Einige tun das, indem sie in eine Achterbahn steigen, andere klettern an Wänden hoch, viele lesen Krimis, einige fressen alles in sich hinein. Die Mehrheit will Gefahren lieber in den eigenen vier Wänden und fiktional erleben. Danach funktioniert der Verdrängungsmuskel wieder. Was die Mehrheit der Leser definitiv nicht will, ist, sich an Blut und Gewalt zu ergötzen.

Wonach fragen Ihre Leser Sie denn am häufigsten bei Lesungen?

Ob man nicht selbst eine Macke haben muss, wenn man so was schreibt. Meine Standardantwort ist dann: Wie groß ist Ihre Macke? Sie zahlen ja sogar Geld dafür.

In Ihren Büchern geht es auch immer wieder um Kinder. Kollegen von Ihnen, also andere Thrillerautoren, halten Kinder bewusst außen vor. Sie machen das nicht, obwohl Sie selbst drei Kinder haben. Warum nicht?

Ich nehme mir nicht vor, über Kinder zu schreiben, sondern ich schreibe über Familien. Dreh- und Angelpunkt der Familie ist das Kind. Ich bin überzeugt davon, dass die Anlagen zum Guten wie zum Bösen in Familie und Kindheit gelegt werden. Deshalb schreibe ich darüber, was Kindern zustoßen kann. Da schreibe ich mir natürlich auch meine eigenen Ängste von der Seele, und die sind mit den eigenen Kindern konkreter geworden. Wir haben 300.000 Missbrauchsfälle von Kindern, jedes Jahr. Es besteht überhaupt kein Grund, warum ich ein Massendelikt aus meinem Werk ausklammern sollte.

Welchen Schauplatz fänden Sie total uninteressant? Einen Bauernhof?

Nein, ein Schlachthaus. Zumindest vom Einstieg her. Geschichten, die schon in der Hölle beginnen, haben wenig Steigerungspotenzial. Ich mag es eher wie bei Stephen Kings „Shining“, das mit diesem schönen Setting beginnt, dem eingeschneiten, romantischen alten Hotel. Man weiß natürlich, dass da irgendwo das Grauen wartet, aber ich mag es, wenn mich etwas langsam hineinzieht. Deshalb beginne ich mit diesem Kreuzfahrtschiff, einer scheinbar heilen Welt.