Konzert-Kritik

Die Bühne ist leer, aber das Herz ist voll

Reinhard Mey gibt drei Konzerte im Tempodrom

Buchstäblich nichts braucht Reinhard Mey. Kein Podest, keine bunten Lichter, keine Leinwände, keine Soundeffekte. Hemd und Hose sind so schwarz wie die Wände und der Bühnenhintergrund. Einziges Requisit ist die Gitarre, einziger Showeffekt ein im Scheinwerferlicht blitzender Stecker im linken Ohr. Reinhard Mey braucht nichts, weil er alles hat. Die Bühne ist zwar leer, doch das Herz ist voll. Andernfalls könnte Mey die Atmosphäre im Tempodrom nicht in solchem Handumdrehen verdichten, ließe sich die hochgespannte Aufmerksamkeit des Publikums nicht herbeikünsteln. Hier tritt kein Spaßmacher auf, sondern ein Nachdenklicher, der sich seinen Humor nicht verderben lässt. Das Leben höre aber auch nicht auf, ernst zu sein, wenn man lache, zitiert Mey weise den irischen Schriftsteller George Bernard Shaw.

Für seine bald 72 Jahre sprintet Mey sehr agil auf die Bühne. „’N Abend Berlin, da bin ich wieder“ – das reicht, um das ausverkaufte Haus in andächtiges Zuhören zu versetzen, bis zum letzten Ton wird es anhalten. Endlich sei er zurück in seiner Heimatstadt, freut er sich, ganz ans Ende einer großen Tournee sind die drei ausverkauften Berlinkonzerte gelegt worden. Vor allem aber spielt er die Stücke seiner neuen Platte „dann mach’s gut“. Darauf widmet er auch seinem verstorbenen Sohn bewegende Gedanken. Zeilen, die von so viel Liebe, Nähe, Kraft und unverwüstlicher Lebensbejahung handeln, dass einigen Zuschauern die Tränen kommen.

Für die Poesie der kleinen Dinge hat Mey einen beneidenswert scharfen Blick. Wer schafft es schon, ohne in Biederkeit abzugleiten, in „Wolle“ das Glück einer langjährigen Ehe zu besingen – in Form einer Hommage an Wolfgang Petry? Wer würde auf die Idee kommen, das Roadmovie von Thelma & Louise unter dem Titel „Gute Kühe kommen in den Himmel“ als Geschichte ausgebrochener Rinder auf der A7 nachzuerzählen? Und warum wirkt es überhaupt nicht albern, wenn Mey in „Annabelle, ach Annabelle“ einen Motorradunfall besingt, der ihm die Rettung durch eine alte Liebe in neuer Rockerkluft einbringt und sich im Laufe dieses Liedes auch noch zur Kritik an DAX-Vorständen, Politmafia und Kirche steigert?

Sogar „Über den Wolken“ spielt er dieses Mal. Ein seltenes, ein zartes Live-Erlebnis, das viele zum Mitsingen ermuntert. Ein weiteres Mal traut sich das Publikum dies nur nach der zweiten Zugabe, für „Gute Nacht Freunde“, den Klassiker zum Abschied. Selig benommen noch schiebt sich alle Welt anschließend nach draußen.