Opern-Kritik

Ausgegraben aus Ruinen

Fiona Shaw inszeniert Benjamin Brittens Kammeroper „Die Schändung der Lucretia“ am Haus der Berliner Festspiele

In der Kunstgeschichte, insbesondere der italienischen Renaissance, ist das Motiv des in archaischer Tierhaftigkeit über die zarte Lucretia herfallenden Tarquinius Superbus allgegenwärtig. Tragisch im Sinne des klassischen Dramas ist da nichts: Der Etruskerfürst kommt stets als phallische Naturgewalt vor, unberührt von allen moralischen Kategorien. Auch Britten ließ diese Geschichte von seinem Librettisten Ronald Duncan im Jahr 1946 ohne jegliche Anflüge von bürgerlichem Trauerspiel erzählen – was gerade das deutsche Publikum mit seinem kulturell bedingten Anspruch auf die „Moral von der Geschicht“ tendenziell irritieren, aber auch faszinieren dürfte. Britten scheint am Ende über die Ungeschminktheit und Trostlosigkeit selbst erstaunt gewesen zu sein. Die beiden Erzählerfiguren, die aus einer christlichen Perspektive auf das antike Geschehen blicken, lässt er fragen: „Is that all?“ Hat das Leiden der unschuldigen, keuschen Lucretia irgendeinen höheren Sinn? Wenn man in den Begriffen moderner Theaterdramaturgie ohne moralischen Überbau denkt, dann nervt diese Frage ein wenig, ebenso wie die beiden ständig das antike Geschehen betroffen kommentierenden Erzähler – hier in Gestalt der hervorragend singenden Solisten Thomas Blondelle und Ingela Brimberg.

In Brittens Stück ist man aufgrund der meisterlich vorwärtstreibenden Dramaturgie und der genial sich anschmiegenden musikalischen Komposition, ähnlich wie im Kino, gefangen genommen von den Ereignissen. Auch die Regisseurin Fiona Shaw tut alles für eine packende Eins-zu-eins-Umsetzung ohne oktroyierte höhere Botschaft. Dass zu Beginn die tote Lucretia quasi als antikes Gemälde ausgegraben und dann zu einer lebenden und leidenden Figur wird, das ist ein wenig aufgeklebtes konzeptuelles Regietheater – für Shaws geradlinig bebildernde Inszenierung auf archäologisch ausgegrabenen antiken Grundmauern spielt es eigentlich keine Rolle.

Tarquinius Superbus wird akzeptabel von dem sehr kurzfristig eingesprungenen Bariton Duncan Rock gesungen – nach Maßstäben des Kinos ist dieser Muskelmann die Idealbesetzung für das testosterongeschwängerte Alphamännchen. Auch die anderen Figuren sind genau nach den Erfordernissen des Plots besetzt: Mit zarter Alabasterhaut und flutendem, präzise fokussiertem Alt Katarina Bradić als Lucretia, mit dem Bass des gutmütigen Bären Andrew Harris als Collatinus, Lucretias Ehemann, mit durchschlagskräftigen Männerstimmen und Breitbeinigkeit Seth Carico als römischer General Junius. Eine wirkliche Zierde des Ensembles der Deutschen Oper sind Ronnita Miller und Elena Tsallagova als Amme Bianca und Dienerin Lucia mit ihren einfühlsam zwischen Lyrik und breit ausgreifender Dramatik pendelnden Stimmen.

Vom Orchester unter Nicholas Carter wäre sicherlich ein stärker ins Barocke gehender, dünnerer, historisierender Klang angemessen gewesen, denn mit diesem wollte Britten wohl den Abstand der Altertumshandlung von der Moderne unterstreichen. Doch als Gegenleistung für diesen Mangel lässt das solistisch besetzte Kammerorchester aus Musikern der Deutschen Oper im Graben des Hauses der Berliner Festspiele Benjamin Brittens transparent geschriebene Partitur besonders farbenreich erklingen.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, heute, 18 Uhr