Interview

„Berlin muss mitspielen“

Der Bund baut ein Museum für die Moderne, braucht aber dafür die Mitarbeit des Landes

Für die Kunst des 20. Jahrhunderts entsteht in Berlin ein neues Museum. Neben der Neuen Nationalgalerie auf dem Kulturforum sollen die öffentlichen Bestände zur Klassischen Moderne sowie Privatsammlungen unterkommen. Die Sammlungen der Mäzene Erich Marx und Egidio Marzona sind zur Zeit im Hamburger Bahnhof untergebracht. Der Bundestags-Haushaltsausschuss bewilligte für den geplanten Neubau am Donnerstag 200 Millionen Euro. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat sich seit ihrem Amtsantritt für das Projekt stark gemacht.

Berliner Morgenpost:

Frau Grütters, die Entscheidung und der Zeitpunkt waren ein bisschen überraschend.

Monika Grütters:

Wir lieben Überraschungen.

Aber Sie haben doch seit Ihrem Amtsantritt darauf hingearbeitet.

Das stimmt. Ich hatte mich schon zu Beginn des Jahres, übrigens in einem Interview mit der Berliner Morgenpost, zum Thema Kulturforum geäußert. Es ist nicht in Ordnung, dass die Kunst des 20. Jahrhundert, dieses zentrale Thema in und für Berlin, ausgerechnet hier ein Schattendasein fristet. Die Neue Nationalgalerie ist schlichtweg zu klein für ihre bedeutenden Bestände. Mit meiner Forderung, an dieser Situation etwas zu ändern, habe ich mir selber Mut gemacht, aber auch die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren wollen. Die Errichtung eines Museums für die Moderne sehe ich als eine Pflicht gegenüber unserem kulturellen Erbe. Und natürlich kam dann noch der Druck der Sammler dazu.

Das Ehepaar Pietzsch drohte vor wenigen Wochen nochmals damit, die Sammlung nicht Berlin zu überlassen...

...Heiner Pietzsch wartet seit vier Jahren auf ein Signal, verständlicherweise wurde er ungeduldig. Erich Marx ist mittlerweile 93 Jahre alt. Zu seiner Sammlung gehören Werke von Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg und Andy Warhol. Wir haben inzwischen eine gute Überlassungsvereinbarung, die die ganze Sammlung umfasst, dafür bin ich Erich Marx sehr dankbar. Und Egidio Marzona steuert Werke der Konzeptkunst, der Minimal Art und der Arte Povera bei. Ich wollte jetzt genau diesen Novembertermin für eine Entscheidung, denn sonst wäre wieder ein Jahr vergangen – bis zu den nächsten Haushaltsberatungen. In der Zwischenzeit musste ich dann natürlich auch den Bundesfinanzminister und sein Haus überzeugen. Die Sammlungen, die uns angeboten werden, haben einen geschätzten Wert von bis zu einer Milliarde Euro, aber wenn wir sie nicht präsentieren können, dann können wir sie auch nicht ehrlichen Herzens annehmen oder sie wären uns gar nicht mehr angeboten worden.

Sie favorisieren als Standort für das neue Museum die Potsdamer Straße, ist damit die Variante an der Sigismundstraße hinter der Neuen Nationalgalerie vom Tisch?

Der Standort ist jetzt klar, es geht um die Potsdamer Straße. Aber ich möchte die Sigismundstraße nicht schlecht reden, schließlich gehört uns da das Grundstück. Aber wir könnten dort nur ein kleineres Gebäude bauen, an der Potsdamer Straße ist mehr möglich, wir reden über rund 14.000 Quadratmeter. Das ist schon ein großer Unterschied. Und städtebaulich ist die Variante Potsdamer Straße viel spannender, sie hilft, ein zweites Ziel zu avisieren, nämlich endlich das Kulturforum zu verbessern.

Noch ist das Areal als Grünfläche ausgewiesen.

Ich habe Anfang September mit Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller darüber gesprochen, auch er ist für eine Bebauung an dieser Stelle.

Hans Scharoun, der Architekt der Philharmonie und der gegenüber liegenden Staatsbibliothek, konnte damals seine Vorstellungen nicht vollenden, sein sogenanntes Gästehaus blieb ein Plan.

Scharoun hatte die Idee, dort einen Platz entstehen zu lassen. Wenn wir jetzt dort das Museum der Moderne bauen, dann kommen wir seiner ursprünglichen Idee näher.

Eine Herausforderung für Architekten, sie müssen sich zwischen Bauten von Scharoun und der Nationalgalerie von Mies van der Rohe einfügen. Oder mit einem spektakulären Entwurf einen Kontrapunkt setzen. Was erwarten Sie?

Das ist ganz offen. Es kann jemanden geben, der sich traut, der den Ehrgeiz hat, kongenial zu sein. Oder einen, der sagt, ich stelle mich dem Wettbewerb erst gar nicht und gehe meinen ganz eigenen Weg. Möglich ist beides. Aber die Frage habe nicht ich zu klären, es wird Ausschreibungen geben und einen Wettbewerb. Es haben ja schon viele Architekturbüros – ohne Auftrag – Vorschläge gemacht, ich bin optimistisch, dass da etwas Gutes passiert. Man sollte da offen und neugierig herangehen.

Haben Sie keine Angst vor einer weiteren Dauerbaustelle?

Wenn der Staat selbst anfängt zu bauen, dann ist das wahnsinnig mühsam, umständlich, teuer und langwierig. Wir wollen das Projekt zusammen mit der ÖPP, einer Ausgründung aus dem Finanzministerium, realisieren. Die haben das neue Bundesbildungsministerium gebaut, dort wo früher der Bundespressestrand war, und das Haus der Zukunft, am Uni-Klinikum Schleswig-Holstein sind sie dran. Das sind Profis, die sind dafür bekannt, dass sie pragmatisch, zügig und schnell arbeiten. Aber auch Berlin muss mitspielen und die Grundstücksfrage und das Baurecht klären, parallel dazu kann dann die Ausschreibung stattfinden.

Wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dieses neue Museum bekommt, sind dann die Umzugspläne für die Alten Meister aus der Gemäldegalerie vom Tisch?

Man sollte das nicht in Konkurrenz zueinander setzen. Ich spreche immer von einer Fortsetzungsgeschichte. Aus kulturgeschichtlichen Gründen sollten die Alten Meister mittelfristig auf die Museumsinsel oder in die direkte Nachbarschaft kommen, denn da gehören sie hin. Dort ist bereits die Kunst der frühen Neuzeit bis hin zum 19. Jahrhundert untergebracht, aber bis zum 18. Jahrhundert fehlt die Malerei. Das ist vom Sammlungskontext her nicht nachvollziehbar. Und auch die Besucher der Museumsinsel erwarten, dass sie beides dort sehen können. Das macht Sinn, und deshalb bleibe ich dabei. Diese Aufgabe ist mit dem Beschluss für ein Museum der Moderne auf dem Kulturforum nicht erledigt.

Befürchten Sie nicht, dass dann wieder Stimmen laut werden, die sagen, alles Geld geht doch nur nach Berlin?

Der Haushaltsausschuss hat jetzt auch Mittel für das Bauhaus in Dessau bewilligt, ich habe mich erfolgreich für das Romantik-Museum in Frankfurt/M. eingesetzt, auch das wird realisiert. Aber Berlin ist nun mal die Hauptstadt. Mein Engagement darauf zu reduzieren, davon kann nicht die Rede sein. Ich habe als Kulturstaatsministerin in zehn Monaten 41Städte besucht und weiß die Vielfalt in der Fläche zu schätzen.