Theater-Kritik

Die sonderbare Welt des jungen Christopher

Grips Theater: „Supergute Tage“ handelt von einem Autisten

Nein, nicht 15 Jahre, sondern 15 Jahre, drei Monate und drei Tage. So alt ist Christopher Boone. Ihm ist die exakte Angabe wichtig. Nicht so was Ungefähres. Er braucht das, um sich zurecht zu finden. Klare Ansagen. Sei mal einen Augenblick still reicht da nicht, er will wissen, wie viele Minuten. Und bloß keine Metaphern verwenden, die „sollten Lügen heißen“. Der Junge mag Primzahlen und die Farbe Rot. Wenn er fünf rote Autos auf dem Weg zur Schule sieht, dann wird es ein superguter Tag.

Christopher ist Autist. Und die Hauptfigur in der neuen Grips-Inszenierung „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Der britische Dramatiker Simon Stephens („Motortown“, „Wastwater“) hat den Roman von Mark Haddon für die Bühne bearbeitet, die Uraufführung läuft seit erfolgreich im Londoner Westend. Regisseurin Barbara Hauck hat es jetzt für die Altersgruppe 14plus am Hansaplatz inszeniert und weitgehend nach Berlin verlegt.

Es beginnt mit einem Paukenschlag: Auf dem Boden liegt der Hund der Nachbarin, eine Mistgabel steckt im leblosen Körper. Christopher steht davor. Er wird als Täter verdächtigt und von der Polizei verhört. Er wehrt sich, als er auf der Wache angefasst wird, denn Christopher kann Berührungen nicht ertragen und außerdem sagt er ja „immer die Wahrheit“. Weil die Polizei nicht weiterkommt, will er den Mordfall selber lösen. Und stößt bei seinen Ermittlungen auf Dinge, die ihn zunehmend verunsichern. Seine Mutter ist gar nicht tot, wie von seinem Vater (Jens Mondalski) behauptet, und das Verhältnis zur Nachbarin ist auch anders als gedacht.

Die Detektivgeschichte, die sich in Christophers vertrautem Umfeld ruhig anlässt, geht in eine Familientrennungsgeschichte über und nimmt dann mächtig an Fahrt auf. Denn Christopher, der in Neustrelitz bei seinem Vater lebt, will alleine mit dem Zug nach Berlin zu seiner Mutter (Regine Seidler) fahren. Eine echte Herausforderung für den Jungen, den Lärm und Menschenmassen durcheinander bringen. Als er in der U-Bahn steht, büxt seine Ratte aus und läuft ins Gleisbett. Christopher natürlich hinterher.

Kilian Ponert spielt Christopher so authentisch, dass man ihm in jedem Augenblick den Autisten abnimmt. Ein ganz starker Auftritt des 24-Jährigen, der seit gut einem Jahr am Grips Theater engagiert ist. Wenn die Eindrücke auf ihn niederprasseln, verkriecht er sich schon mal unter den Plastikbahnen, die dann als Bett dienen. Jan A. Schröders abstrakt-assoziatives Bühnenbild ermöglicht schnelle Ortswechsel, die horizontal angebrachten Bahnen im Hintergrund dienen auch als Projektionsfläche, um Christophers Gedankenwelt zu illustrieren. Regisseurin Barbara Hauck erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Jungen mutig mit zeitlichen Sprüngen. Spielerisch gelingt ihr ein Plädoyer für mehr Verständnis für Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als die Majorität.

Grips Theater, Altonaer Str. 22, Tiergarten. Abendtermine: 22.11, 10.12 & 6.1., Karten: 39 74 74-77