Konzert

Die fabelhafte Welt der Helene Fischer

Aufspringen und mitwippen: Der Schlagerstar zeigt seine „Farbenspiel“-Show an drei Abenden in der O2 World

Das Intro hat etwas Psychedelisches: Kussmünder flattern über die große Leinwand, es folgen Farbkleckse, Klassik-Klangschnipsel sind zu hören, schließlich sprießt ein Feuerwerk auf. Und dann, ja dann kommt eine schattenhafte Frauengestalt über die Leinwand auf die Besucher zu. Es könnte ein verruchtes Bond-Girl sein oder auch eine selbstbewusste Hohepriesterin. Auf jeden Fall hat sie unendlich lange Beine. Plötzlich geht das Licht auf der Bühne an, und Helene Fischer steht einfach nur da. Das Publikum schreit auf, als sei gerade die Welt erschaffen worden.

Gleich zu Beginn des Konzerts ist zu befürchten, dass sich die Platzkarten gar nicht lohnen. Nach zehn Sekunden Helene Fischer stehen die Ersten und tanzen. Nach dem halben Titel steht die absolute Mehrheit in der O2 World. 12.000 sind allein zum Auftakt der dreitägigen Helene-Fischer-Festspiele in Berlin gekommen. „Das ist unser Tag“, singt sie. Alles jubelt. Der Song ist von ihrem aktuellen Erfolgsalbum „Farbenspiel“. „Und alles steht und singt und tanzt“, sagt sie ins Mikrofon. Fast alle tun es. Das Programm hat insgesamt etwas Sportives: sitzen und lauschen, dann wieder aufspringen und mitwippen.

US-Show und deutscher Schlager

Dabei beginnt das Konzert mit einer Verzögerung, offenbar war ein Fanbus im Verkehr steckengeblieben. Alles wartet. Es wird sowieso ein langer Abend, er dauert fast dreieinhalb Stunden. Insgesamt 250 Fans ganz in Weiß werden später gesondert von der Sängerin begrüßt und irgendwie als Teil der Show angekündigt. „Wir werden Euch benutzen“, sagt sie. „Juhu“, schallt es von unten zurück. Helene Fischer scherzt mit ihrem Publikum und kommt dabei sympathisch rüber. „Ich freu’ mich tierisch“, sagt sie. Und man glaubt es ihr. Jenseits aller Show.

Helene Fischer ist die Nummer eins im deutschen Unterhaltungsgeschäft. Nahezu 50 Konzerte wird Helene Fischer auf ihrer Tournee „Farbenspiel – Live“ geben. Die Rede ist von einer Million Besuchern. Beim Tournee-Finale am 4. und 5. Juli 2015 will sie das Berliner Olympiastadion füllen. Und es war nie leicht, Mehrheiten auf sich zu vereinen. Früher lebten die Primadonnen von Skandalen, von Zickigkeiten, vom Größenwahn. Eine beliebte Anekdote ist, dass ein Agent angesichts hoher Gagenforderungen sagte, so viel würde nicht einmal der Staatspräsident verdienen. Und was antwortete die Diva? Dann lassen Sie den Präsidenten vorsingen! Solche Geschichten kennt man von Helene Fischer überhaupt nicht. Man weiß ziemlich wenig über den Schlagerstar, was sie denkt und was sie sonst so tut. Genau genommen erwartet man bei ihr keine dunklen Geheimnisse.

Ihre Tournee-Produktion „Farbenspiel“ will vor allem eines: auf unterhaltsame Weise überwältigen. Die Entertainerin bringt zusammen, was auf den ersten Blick kaum zusammengehört: eine bildmächtige, durchtechnisierte, zutiefst amerikanische Bühnenshow und bodenständigen deutschen Schlager. Die Mischung ist ihr Erfolgsrezept.

Es gibt an diesem Abend viel zu sehen, nicht nur die Frontfrau, deren blonde Haare wetterfester wirken als in der TV-Werbung. Helene Fischer führt durch die vier Jahreszeiten, es ist ein stürmischer Abend. Es beginnt im Herbst und endet im Sommer. Das Ganze ist eine Art Themenabend mit eingängiger Musik. Unter den Bühnenmusikern findet sich gar ein Streichquartett. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ vibrieren mehrfach in der Luft und Sologeigerin Michaela Danner wird einen Extrabeifall bekommen.

Die ursprünglich im Musical beheimatete Helene Fischer, das lernt man in diesem Programm, lebt gerade auch vom Crossover. Der sie in verschiedene Richtungen führt: Ein bisschen Klassik, ein bisschen Rock und Pop, was schließlich in „Purple Rain“ von Prince mündet, und viele Mitsing-Schlager. An diesem Abend kann das Publikum ausgiebig mitklatschten, im Viervierteltakt.

Begleitet wird die Schlagerdiva von in den USA gecasteten Tänzern. Glücklich ist, wer die Texte auswendig mitsingen kann. Bei den Rocktiteln wird schon mal wie in einer Karaokebar an der Bühnenrückwand der englische Text eingeblendet. Die ganze Perfektion hat einen Haken: Helene Fischer, die doch das schöne, nette Mädchen von nebenan zu sein hat, droht unnahbar zu wirken. In der zweiten Programmhälfte kniet sie deshalb am Bühnenrand nieder, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und empfängt anmutig ihre Fans, nimmt Blumen und Kuscheltiere entgegen. Die auf den Großleinwänden übertragenen Bilder gehören zur heilen Schlagerwelt.

Sie reitet einen Fantasievogel

Aber bald schon ist im Saal etwas Missmut zu spüren. Prompt steht Helene Fischer wieder auf der Bühne und fängt geschickt ihr Publikum ein. Wer kann ihr schon widerstehen? Wobei es wohl vor allem die Frauen im Saal sind, die ihre Texte auswendig kennen. Lautstark wird die Fischer unterstützt, wenn sie „in zerrissenen Jeans um die Häuser“ zieht. Das Publikum jubelt auch, als sie aus einer sich öffnenden Blume steigt und Lucio Dallas Ballade „Caruso“ andächtig singt. Darüber hinaus werden in der „Farbenspiel“-Show viele Fantasy-Elemente mit surrealen Bildern nebst Fabelwesen bedient. Die Traumwelten der Helene Fischer sind geschützte Räume. Hier darf sich jeder wohlfühlen.

Gegen 22.50 Uhr wird der ganz große Fantasievogel rausgelassen. Alles staunt. Helene Fischer schwebt wie eine Operettendiva durch den Saal und singt Celine Dions „Titanic“-Hit „My Heart Will Go On“. Dann landet sie mitten im Parkett. Viele machen Handyfotos, denn der Star scheint zum Greifen nah. Die Sängerin bedankt sich bei Berlin und beim Berliner Publikum. Es kommt immer gut an. Das Finale naht. Was kaum ohne ihren aktuellen Megahit geht: Bei „Atemlos durch die Nacht“ singt der Saal geschlossen mit.

Am Donnerstagabend wurde Helene Fischer der Bambi 2014 im Stage Theater am Potsdamer Platz verliehen. Anschließend raste sie zu ihrem zweiten Konzert in der O2 World. Der Konzertbeginn war extra auf 21 Uhr verschoben worden.