Rekordpreise

120 Millionen Euro für die Warhol-Bilder der Spielbank Aachen

Der Untergang des Abendlandes fand in festlichem Rahmen statt. Die Versteigerung bei Christie’s in New York war für 18.30 Uhr anberaumt, doch schon lange davor wimmelte es in dem Auktionshaus am Rockefeller Center von Herren in teuren Anzügen und Damen in kostbaren Abendgarderoben.

Die einzigen schlecht Angezogenen waren die Journalisten. Sie wurden höflich, aber bestimmt an ihre Stehplätze hinter dicken Säulen gescheucht. Immerhin hatte man zwischen den TV-Kameras einen guten Blick auf den Auktionator, der den Auktionshammer – in Wahrheit gar kein Hammer, sondern ein halbrunder Stein – mit links handhabte: lässig, präzise und beinahe undramatisch. Im Übrigen kannte der Herr, Jussi Pylkkanen, seine Pappenheimer. Er wusste genau, wo die Sammler und Kunstmäzene saßen, die noch mitbieten konnten, und redete sie mit Vornamen an: „Francis, wollen Sie hier mitgehen?“ „Laura, höre ich fünf Millionen?“

Der Untergang des Abendlandes – damit ist die Versteigerung von zwei Warhol-Bildern gemeint, die bis gerade eben in einem Spielcasino in Aachen hingen, wo sie kein Mensch je beachtet hat. Der Untergang begann mit einer Viertelstunde Verspätung. Mittlerweile war der Saal rappelvoll. Als erstes schraubten sich die Zahlen bei „Vintage Bomber“ (Schätzpreis: 70.000 Dollar) immer höher, bis der freundliche Herr Pylkkanen seinen Stein bei 650.000 Dollar klacken ließ. Als nächstes ein Baselitz: 6,5 Millionen, ein Roy Liechtenstein für sechs, ein Gerhard Richter für acht Millionen.

Der Knüller kam mit den Losen neun, der „Dreifache Elvis“ von Warhol, und zehn, sein „Vierfacher Marlon“ (Brando). Die Versteigerung begann mit einem zweifachen Millionenbetrag, der völlig egal war, denn die Gebote rasten so rasant ins Irrwitzige, dass einem die Spucke wegblieb. Endlich klackte der Stein in der linken Hand bei 73 Millionen (58,564 Millionen Euro) aufs Podest. Jemand hatte das Bild per Telefon ersteigert. Losnummer 10 erzielte immerhin 62 Millionen (49,655 Millionen Euro). Dazu kommen noch die Aufschläge für Christie’s. Die Finanzlage der Spielbanken des Landes Nordrhein-Westfalen dürfte sich schlagartig gewandelt haben.

Beim Hinausgehen kommt man an dem Raum vorbei, wo man die ersteigerte Ware in Empfang nimmt. Hier kommen einem nun wahrhaft wesentliche Fragen in den Sinn: Wie bezahlt man einen Betrag von 73 Millionen Dollar? Reicht ein Scheck? Und wie nimmt man das Bild mit nach Hause? Kann man bei Christie’s sagen: „Würden Sie es bitte einwickeln, es soll ein Geschenk sein?“