Klassik-Kritik

Harnoncourts große Leidenschaft für Rosamunde

Ovationen für den Dirigenten und die Wiener Philharmoniker

Neugier und Streitlust treiben ihn gewaltig an, auch im hohen Alter: Nikolaus Harnoncourt, 84-jährige Legende der historischen Aufführungspraxis, unerbittlicher Rebell gegen alle festgefahrenen Hörgewohnheiten. Mit leidenschaftlich glühendem Haupt und blitzendem Blick packt er die Wiener Philharmoniker. Er setzt sie umgehend unter heftigen Strom. Das Konzerthaus birst derweil beinahe vor Publikumsandrang. Kein Durchkommen im Parkett, zahlreiche Zuhörer lehnen stehend an den seitlichen und hinteren Wänden. Jeder scheint an diesem reinen Schubert-Abend mit Harnoncourt so gut sehen und hören zu wollen wie möglich.

„Wir spielen nur Uraufführungen, allerdings im Wiener Dialekt“, verspricht ein launischer Harnoncourt gleich zu Beginn ins Mikrofon. Er bleibt damit seinem Markenzeichen treu, das er schon seit Jahrzehnten pflegt: jedes Werk zu jeder Zeit so radikal und lebensecht zu interpretieren, dass man es mit ganz neuen Ohren hört – und man fast meinen könnte, einer Uraufführung beizuwohnen. Zum Beweis legt Harnoncourt frisch brodelnd mit Schuberts „Rosamunde“-Schauspielmusik los. Schlank akzentuiert und erdig expressiv tönen die Wiener Philharmoniker, unterhaltend im besten Sinne. Zwischendurch dreht sich Harnoncourt immer wieder ins Parkett, fasst das Wesentliche der Theaterhandlung leicht verständlich zusammen.

Musik mit rauer Ehrlichkeit

Zwei Mitglieder aus Harnoncourts hauseigenem Arnold Schoenberg Chor sprechen die wichtigsten Dialogzeilen der beiden Hauptpersonen. Da ist zum einen der brutale Statthalter Fulgentius, zum anderen die unschuldige Prinzessin Rosamunde, die sich gegen die Zudringlichkeiten des Widerlings mit verzweifelter Macht zu behaupten sucht. Schließlich flüchtet sie sich erfolgreich aufs Land, mischt sich unter Jäger und Hirten, die der Arnold Schoenberg Chor in warmherzigen Farben und edler Einfalt belebt.

Äußerst diesseitig wirkt Schuberts unvollendet gebliebene 7. Sinfonie nach der Pause. Harnoncourt schält bemerkenswerte Details hervor, dringt auf schicksalhafte Härten, fordert raue Ehrlichkeit. Doch auch das eigentümlich dunkle Leuchten der Wiener Streicher und die magisch verhangenen Holzbläser-Pianissimi – sie kommen keineswegs zu kurz. Stehende Ovationen im Anschluss für Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker. Überschwänglicher Applaus für einen Schubert-Kraftakt, der das Publikum wachrüttelt.

Kein Zweifel: Dies ist der Höhepunkt der Harnoncourt-Festtage, die noch bis zum 16. November andauern. Das Konzerthaus ehrt den Maestro nicht nur, weil er als einer der besten Dirigenten der Welt gilt. Er ist darüber hinaus auch gebürtiger Berliner und einer der wichtigsten Mentoren von Iván Fischer, dem Chef des Konzerthausorchesters. Zum nahenden 85. Geburtstag Harnoncourts am 6. Dezember hat das Konzerthaus eine rührige Festschrift herausgegeben. Der Titel „Unverzagt“ kann als Anspielung auf eine wichtige Charaktereigenschaft des Dirigenten, aber auch auf seinen Geburtsnamen verstanden werden. Denn jenseits des Künstlernamens heißt er Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt.