Kino

Schön frisch und schön blutig

Im Film „Nightcrawler“ versorgt Jake Gyllenhaal einen Fernsehsender mit Sensationsbildern. Und zieht dafür auch mal eine Leiche ins Licht

Seien wir ehrlich. So etwas Ähnliches haben wir wohl alle schon mal erlebt. Auf einer Autobahn an einem Unfall vorbeigefahren. Und dabei ein wenig vom Gas gegangen, um zu schauen, was passiert ist. Nicht vornehmlich aus dem Drang zu helfen. Schon eher aus Schaulust. Auch wenn man sich das nicht eingestehen mag. Und man so einen inneren Drang weit von sich weisen würde. Der Film „Nightcrawler“ spielt mit eben dieser Schaulust, der Sensationsgier in uns allen. Er geht dabei aber auf eine schockierende Weise noch ein entscheidendes Stück weiter.

Zu Beginn ist Jake Gyllenhaal ein ziemlich erfolgloser Typ, der sich in Los Angeles mit dem Klau von Altmetall und Gullydeckeln über Wasser hält. So unsympathisch, so abgerissen hat man den Schauspieler noch nie gesehen. Mit fettigen Haaren, aasigem Lächeln und fiebrigem, gierigem Blick. Dafür hat sich der Darsteller etliche Pfunde heruntergehungert. Kaum mag man den „Brokeback Mountain“-Star wiedererkennen. Es ist, als würde er für diese Filmfigur des Lou Bloom auch physiognomisch auf Distanz gehen.

Je blutiger, desto höher die Quote

Zufällig fährt dieser Lou Bloom nach einer seiner erfolglosen Bewerbungen an einem Verkehrsunfall vorbei. Geht aber nicht nur vom Gas, sondern steigt aus. Und sieht überrascht, wie ein Kameramann von ganz nah mitfilmt, wie zwei Feuerwehrleute die blutüberströmte Fahrerin aus dem Gefährt bergen. Als Bloom am nächsten Morgen diese Bilder im Frühstücksfernsehen sieht, geht ihm ein Licht auf. Noch einmal stiehlt er ein Fahrrad – um sich davon eine Kamera und ein Funkgerät zu kaufen. Damit hört er dann gierig den Polizeifunk ab – nach allem, was nach Sensation klingt. Unfälle, Verbrechen, Mord. Um vor Ort Bilder zu machen. Und diese an einen örtlichen Fernsehsender zu verscherbeln.

Dort begegnet ihm in der Nachrichtenchefin Nina Romina (Rene Russo) eine Gleichgesinnte. Die gibt ihm zu verstehen, dass nicht jeder Einsatz dieselbe Quote verspricht. Verbrechen in Slums interessieren keinen. Wenn aber die Opfer aus dem reichen Speckgürtel von L.A. stammen und die Täter aus der Unterschicht, dann passt das gut zur Angstmacherei, die Kriminalität dränge in die Vororte. Denn es ist diese Angst, die die Zuschauer gucken lässt. Und dabei kann die Kamera gar nicht nah genug heranrücken. Alle Bilder schön frisch, bitte, und möglichst blutig.

Bloom befolgt das, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei seinen Einsätzen kommt er gar nicht auf die Idee, womöglich auch Hilfe zu leisten. Den Blick hat er stur auf dem Sucher der Kamera, das schafft die nötige Distanz. Und als er bei einem Verkehrsunfall noch vor der Polizei vor Ort ist, ein Leichnam aber im Dunkeln liegt, da schleift er, ohne zu zögern, den Toten ins Licht, um ein besseres Bild zu bekommen. Nachdem die Grenze erst einmal überschritten ist, wird er, unter Missachtung aller ethischer Grundsätze, immer kühner, immer amoralischer. Denn die Quote ist bares Geld.

„Nightcrawler“ zeigt die dunklen Seiten von Los Angeles. Selten ist so viel von der Stadt und so viel davon in der Nacht zu sehen gewesen. Quasi der Gegenentwurf zur Glitzerstadt Hollywood. Über die Sensationsgier der Medien dagegen wurden eigentlich genug Filme gedreht. Man denke nur an Sidney Lumets „Network“, Oliver Stones „Natural Born Killers“ oder Stephen Frears’ „Ein ganz normaler Held“: Immerzu halten die TV-Teams da auf das Elend vor ihnen, völlig unfähig zur Empathie. Hauptsache, das Bild ist scharf. Die Hochphase dieser Filme waren die Neunziger, als mit den Videokameras die ersten handlichen (und erschwinglichen) Geräte auf den Markt kamen und für eine Schwemme von Laienaufnahmen sorgten. Und das Reality-TV auch letzte moralische Skrupel über Bord warf. Der Drehbuchautor Dan Gilroy, der mit „Nightcrawler“ sein spätes Regiedebüt gibt, belässt es aber nicht bei einer Medienschelte. Er verbindet sie mit einer drastischen Kritik an der allgemeinen desolaten Wirtschaftslage.

Dieser schmierige Lou Bloom nämlich glaubt noch immer an den amerikanischen Traum, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika aus jedem Tellerwäscher ein Millionär werden kann. Auch wenn die Tellerwäscher längst nicht mal mehr Tellerwäscher sind, sondern Praktikanten oder Hilfsarbeiter, die mit Dumpinglöhnen ausgebeutet werden. Das Perfide: Eben noch ist dieser Lou Bloom selbst einer dieser Unterprivilegierten, für die es keinen Platz zu geben scheint. Kaum hat er seine ersten Bilder verkauft, sucht er aber nach einem Assistenten, der ihn bei seinen nächtlichen Fahrten navigiert. Und den speist er nicht nur mit ein paar Dollar pro Nacht ab, während er sich selbst schon bald eine teure Ausrüstung und einen flotten Sportwagen leistet. Nein, Bloom gefällt sich auch noch darin, diesem jungen Obdachlosen pseudowirtschaftliche Vorträge zu halten, wie man vorankommt im Leben und wie man in seine Karriere investiert. Die Worthülsen hat er alle aus dem Internet kopiert, und es hört sich an wie ein Amalgam aus Ratgeberliteratur und Positiv-Thinking-Phrasen. Aber das ist das eigentlich Perfide an diesem „Nightcrawler“: dass da einer ernsthaft ausgerechnet mit seinen Blut-und-Tränen-Bildern den American Dream erfüllen, ja erzwingen will.

Ein eiskaltes Pärchen

Der Film selbst ist so etwas wie ein Familienunternehmen. Dan Gilroy, der zuvor Drehbücher zu Filmen wie „Das schnelle Geld“ oder „Real Steel“ geschrieben hat, hat schon mehrfach mit seinem Bruder Tony Gilroy zusammengearbeitet, ebenfalls ein Drehbuchautor, der dann mit „Michael Clayton“ erfolgreich zur Regie gewechselt hat. Tony hat den Film auch produziert, John Gilroy, Dans Zwillingsbruder, hat den Schnitt besorgt. Und als skrupellose Nachrichtenchefin, der der eigene Posten wichtiger ist als moralische Bedenken, brilliert Dan Gilroys Ehefrau Rene Russo, die in den letzten Jahren viel zu selten zu sehen war.

Russo und Gyllenhaal bilden ein eiskaltes Pärchen, wie man es seit Jahren nicht gesehen hat. Sie jagen einem wiederholt Schauer über den Rücken. Und so tröstend es auch ist, dass dagegen die eigene Schaulust wie eine Petitesse wirkt, beschleicht einen zugleich das Grauen, dass es sie da draußen wirklich geben könnte: zynische Sensationsreporter, die für ihre Storys buchstäblich über Leichen gehen. Vor allem aber Selfmademen, die Asozialität quasi als Grundvoraussetzung für ihr Business verstehen.