Theater-Kritik

Sechs Stunden mit viel Gebrüll an der Volksbühne

Frank Castdorf inszeniert das Theaterstück „Kaputt“

Krieg ist eine fiese Sache: Am Ende bleibt wenig mehr als ein Trümmerhaufen. Umgestürzte Säulenfragmente liegen auf der Bühne, ein Mauerstück verzieht sich zur grinsenden Fratze, ein mit vergoldeten Wänden ausgekleideter Container hängt schwarz über einem Wasserbecken vor gelbem Hintergrund. Über der Szene schwebt etwas, das an jenen Polyeder erinnert, den Albrecht Dürer in seinem „Melencolia“-Stich zeigte. Fünf Stunden nach Beginn wird dieses Vieleck schwarze Kugeln ausspucken. Da ist die Melancholie von „Kaputt“ schon der allgemeinen Agonie gewichen, und jene im Publikum, die immer noch ausharren in Frank Castorfs neuer Inszenierung, empfangen jeden Hinweis auf die fortschreitende Zeit mit hysterischem Gelächter.

Es wirkt, als wäre der Melancholie-Polyeder der schlechte Stern, der über Castorfs Abend steht: Erst verletzte sich Darstellerin Jeanne Balibar. Jetzt spielt Georg Friedrich im Gips. Und auch sonst kann man nicht behaupten, dass der Abend zünden würde. Man ist von Castorf einiges gewöhnt, an szenischen Kapriolen wie an Ausdauer. Aber müssen es wirklich sechs Stunden sein? Sechs Stunden, in denen viel gebrüllt und gebrabbelt, aber wenig gesagt wird, außer: Der Mensch ist schlecht, böse, niederträchtig.

Gut, das ist streckenweise schon bei Curzio Malaparte so, der in seinen Romanen „Kaputt“ und „Die Haut“ den Zweiten Weltkrieg aus seiner Sicht abschritt. Als italienischer Offizier und embedded journalist durchreiste er Europa, als halber Deutscher (eigentlich hieß er Kurt Erich Suckert) traf er dabei die Nazielite und sah die Ghettos und Grausamkeiten .

Daneben zeigt er eine gesellschaftliche und kulturelle Elite, die müde geworden ist. Dieser geistige Niedergang ist es, der Castorf zu faszinieren scheint. Und natürlich der undurchsichtige Dichter selbst, der Ex-Faschist, der immer wieder in endlose Gesprächswiedergaben abschweift und regelmäßig zur Küchenpsychologie greift: „Was den Deutschen zur Grausamkeit verleitet, zu diesen ganz kühl, ganz methodisch, ganz wissenschaftlich grausamen Handlungen, ist die Angst. Der Deutsche hat Angst vor den Schwachen, den Waffenlosen, den Kranken.“ Sechs Stunden wären ja nicht das Problem, wenn der Abend mehr zu bieten hätte als Castorf-Routine und zwei mittelmäßige Kriegsromane. Szenisch findet der Volksbühnen-Chef zu wenig, was Malapartes Wortschwall Paroli bietet. Da brüllen sie an der Rampe, rennen in den Container und wieder raus. Da spuckt die Kamera pixelige Bilder auf eine LED-Leinwand, wo reale Kriegsbilder flackern. Da fallen die Schauspieler ins Wasser und planschen ausgiebig drin rum. Ohne Bühnenblut, Bühnenexkremente, Bühnenkotze geht’s eh nicht. Vielleicht ist ja der Clou der gesamten Anstrengung, dass man sich am Ende fühlt, als wäre man selbst sechs Stunden lang durch die apokalyptische europäische Kriegslandschaft gestolpert: extrem kaputt.

Volksbühne, Karten: 24 06 57 77. Nächste Termine: 13., 22. November