Die späte Kunst der Primadonna Edita Gruberova

Starsopranistin mit einer ihrer Paraderollen in der Philharmonie

Als Edita Gruberova nach etwa 20 Minuten der konzertant aufgeführten Donizetti-Oper „Roberto Devereux“ das Podium der Philharmonie betritt, geht ein Raunen durch den Saal. Dies gilt nicht zuletzt der Tatsache, dass die berühmte Koloratursopranistin in der Personage dieser selten gespielten Donizetti-Oper bis zu diesem Augenblick merkbar gefehlt hat. Gruberova ist Elisabetta, die herrschsüchtige und leicht cholerische Königin, die unglücklich in ihren Vasallen Roberto verliebt ist. Sie ist für das Werk unverzichtbar. Gruberova gruppiert das Eifersuchtsdrama um sich, ihre Figur wirkt ohnehin wie das steife, unwandelbare, archaische Element in einem Werk, das schlank, modern, in seiner Musik dramatisch höchst flexibel und aus heutiger Sicht an mancher Stelle ein wenig austauschbar wirkt. Der Gesang der 67-Jährigen ist so etwas wie erlesenes Spätwerk, wenn man in dieser Kunstform davon sprechen kann. Das Verständnis der Sopranistin für die von ihr oft gesungenen Partie scheint vor allem von der intellektuellen Seite in höchstem Grad durchgeformt. Diszipliniert steckt sie in den eigentlich unsanglichen Sprüngen ihrer Auftrittsarie die Grenztöne der virtuos funkelnden Elisabetta-Partie ab, ihre für Donizettis frühe Belcanto-Musik prädestinierte kleine Stimme zeichnet die Konturen der Melodie gestochen scharf nach. Dies muss später öfters eine makellose Sauberkeit ersetzen, die in den Koloraturen, den tiefen Tönen und unbegleiteten Einsätzen oft zu wünschen übrig lässt.

Der Tenor verblasst daneben

So gerät der durch das stets präzise aufspielendes Orchester der Deutschen Oper stabil beginnende Abend leicht aus dem Fahrwasser, als die Königin von der Verhängung des Todesurteils über ihren Geliebten hört. Hier halten Orchester, Ensemble und Saal oft den Atem an, die Solisten müssen durch dramatische Gestaltung und präzise Einsätze das Geschehen selbstständig führen. Das gelingt nicht immer. Der Tenor Celso Albelo als Roberto Devereux verfügt zwar über ein sinnvolles Verständnis von Phrasierung großer Bögen, aber an diesem Abend nicht über die Stimme, solche Gestaltung vollends mit Klang zu füllen. Die Mezzosopranistin Veronica Simeoni ihrerseits kann zwar durch eine in allen Lagen voll flutende Stimme überzeugen, ist aber in den solistischen Passagen zuweilen intonatorisch unsicher. Davide Luciano als Roberto-Freund Nottingham verfügt über einen sonoren Bass, dem zuweilen die Leichtigkeit für die Kantilenen fehlt.

Unter dem Dirigenten Pietro Rizzo wird aus der Summe dieser Einzelteile aber dennoch eine Aufführung von Format. Es ist ein nicht lediglich intellektueller Genuss, Donizettis Musiksprache changieren zu hören zwischen dem Klassizismus Rossinis, dem ausladenden Belcanto des italienischen Melodramma und der Opera Seria des Spätbarock – einer damals bereits weit entfernten Kultur, deren vage Anklänge hier so edel und abgehangen wirken wie die späte Kunst der Edita Gruberova.