25 Jahre Mauerfall

Ein neuer Blick auf eine außergewöhnliche Zeit

Dynamik im Osten, Dämmern in Kreuzberg: Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ als Comic

Es gibt sicher leichtere Aufgaben, als einen Comic ausgerechnet aus diesem Buch zu machen. Tim Dinter erzählt das auch, wenn man in seinem Atelier in Prenzlauer Berg vorbeischaut. Er sagt, dass das mit Herrn Lehmann schon eine besondere Sache sei. Weil ja schließlich jeder Herrn Lehmann kenne. Weil deshalb auch jeder seine eigene Vorstellung davon habe, wie er aussehe, der Herr Lehmann, Karl und Kristall-Rainer und die Köchin und der Arzt in der einen wundervollen Szene, die das Geheimnis der ganzen Geschichte ist.

Und das stimmt natürlich. Sven Regeners 2001 erschienener Roman über einen orientierungslosen 29-Jährigen im Kreuzberg kurz vor der Wende ist mitsamt seinem literarischen Personal so erfolgreich und so einprägsam gewesen, dass der Zeichner trotz seines Ausnahmetalents in jedem Fall ein Risiko eingeht: nämlich entweder den Leser zu befremden mit Figuren, die dieser nicht wiedererkennt oder aber sich so sklavisch an die im Buch vorgegebenen Personenschilderungen zu halten, dass man darin nur eine Art nachgereichtes Storyboard erkennt. Und dann ist da ja sowieso noch Leander Haußmanns Film mit Christian Ulmen in der Hauptrolle, an den auch sofort alle denken, wenn von Herrn Lehmann die Rede ist. Schwierig also alles. Und dennoch ist das Buch großartig geworden, die Begründung kommt noch.

Zuerst ein paar Worte darüber, warum Regeners Roman große Zeitgeschichtsschreibung ist und deshalb auf diese Seite gehört. Denn während sich östlich der Mauer 1989 eine ungeheure Dynamik entfaltete, verdämmerten Milieus wie das hier geschilderte – die Kreuzberger Kneipengängerszene – in träger Agonie. Eine Runde von Freunden, die für wenig Geld in Kreuzberg das immer gleiche Leben führt mit den immer gleichen Geschichten und Bier, Bier und abermals Bier: Davon handelt dieses Buch, und das in einer so schnoddrigen Sprache, mit so komischen Dialogen und aberwitzigen Typen, dass gar nicht weiter auffiel, wie todtraurig es eigentlich ist.

Dass es ein einziges, leises Echo ist auf das lauteste Dichterwort Rainer Maria Rilkes: Du musst dein Leben ändern. Oder wie es der Arzt in der Szene formuliert, als Herr Lehmann seinen kranken Freund Karl im Urban-Krankenhaus vorbeibringt: „Das Leben hier in der Gegend ist leicht, wenn man jung ist: ein bisschen arbeiten, billige Wohnungen, viel Spaß. Aber die meisten brauchen auf Dauer irgendetwas, wodurch das legitimiert wird. Wenn das wegbricht … buff!“

Tim Dinters Zeichnungen, jede für sich genommen ein liebevolles Kunstwerk aus Aquarell und Tusche, unterstreichen in ihrer schwarzweißen Ästhetik diesen tragischen Grundzug der Geschichte. Und zugleich machen sie das Berlin jener Zeit auf eine wundervolle Weise erfahrbar.

Dinter ist ein Meister der Straßenzüge und Kneipeninterieurs und widmet sich den Figuren mit so viel Detailgenauigkeit, dass man den Roman wiedererkennt und ihn gleichzeitig neu lesen kann. Eine bewegende Geschichte ist das, in der es um den Stillstand geht. Und an deren Ende die Mauer fällt.

Sven Regener: Herr Lehmann. Gezeichnet von Tim Dinter. Eichborn, 240 Seiten, 19,99 Euro