25 Jahre Mauerfall

Von Festnahmen und Schikanen, Folter und Angst

„Nur raus hier!“ handelt von 18 Fluchtversuchen aus der DDR

Jörg Hejkal ist 17 Jahre alt, als sich sein Verdacht bestätigt. Im Kleiderschrank des Vaters, zwischen den Hemden, findet er die Zettel. „Er ist gerade in so einer renitenten Phase“, steht da. Und wie Jörg so mit den Mädchen ist. Und wie man an seiner politischen Haltung arbeiten kann. Was der Sohn da entdeckt, sind keine Tagebucheinträge eines besorgten Vaters. Was Fritz Hejkal aufgeschrieben hat, das ist für seinen Arbeitgeber bestimmt. Fritz Hejkal arbeitete für die Staatssicherheit. Er bespitzelte seinen eigenen Sohn.

Wie kann man in einem Land leben, in dem man nicht frei ist? In dem man nicht laut sagen kann, was man denkt, und in dem manche nicht nur vom Nachbarn, sondern sogar vom eigenen Vater auspioniert wurden, nur um zu erfahren, ob sie nicht heimlich doch etwas taten oder dachten, was der Regierung der DDR nicht gefiel? Für die, die es nicht konnten, hat Andree Kaiser nun ein Buch herausgegeben. „Nur raus hier!“ erzählt die Geschichten von 18 Fluchtversuchen aus der DDR. Es erzählt von Festnahmen und Schikanen, Folter und Schlafentzug, von Misstrauen und Angst, Sehnsucht und Wut. Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, eines ohne Überbau, ohne Kommentare und Einordnung. Jedem Protokoll ist ein Porträt der Geflüchteten vorangestellt. Es sind Fotografien von heute, die Andree Kaiser gemacht hat.

Jörg Hejkal flieht mit 19 Jahren über die ungarische Grenze nach Jugoslawien. Er erzählt das ohne große Aufregung, aber mit spürbarer Dringlichkeit. Er wird gefasst und wieder nach Ost-Berlin gebracht. Zwei Jahre sitzt er im Gefängnis. Als er wieder rauskommt, versucht er es wieder. Diesmal über die Amerikanische Botschaft. Es gelingt. Eine als Graphic Novel gestaltete Einleitung listet die Zahlen der Republikflüchtlinge aus. Wie viele haben es versucht, wie viele geschafft? Wie viele kamen bei ihren Versuchen, der DDR zu entkommen, ums Leben? „Nur raus hier!“ hat Andree Kaiser gegen die Gleichgültigkeit geschrieben und gegen die Romantisierung der Vergangenheit. „Mir scheint es so zu sein, als verwässere die Erinnerung an das DDR-Unrecht schon 25 Jahre nach dem Fall der Mauer“, heißt es am Anfang. „Für die Generation meines Sohnes, 1998 geboren, ist das Geschehene schon weit weg.“ Deshalb hat Kaiser diese Geschichten gesammelt von Menschen, die für ihre Freiheit alles riskiert haben. Darunter auch seine eigene. Und die Geschichte seiner Haft in Hohenschönhausen, dessen Sterilität er in einem Foto-Essay festgehalten hat.

Oft sind es gar nicht die großen politischen Visionen, die die Menschen zur Flucht bewegt haben. Bei vielen ist es vielmehr die Unerträglichkeit des Alltags, die sie ihr Leben aufs Spiel setzen lässt. Bei Andree Kaiser selbst war es der Tod der Großmutter. Die hatte ihren Bruder in West-Berlin besucht und dort einen Herzinfarkt erlitten. Der Sohn bat die Behörden, seine Mutter noch ein letztes Mal besuchen zu dürfen. Die Behörden lehnten ab. So war das in der DDR. Daran sollte man sich erinnern.

Andree Kaiser (Hg.): Nur raus hier. 18 Geschichten von der Flucht aus der DDR. Ankerherz Verlag, 216 Seiten, 29,99 Euro