25 Jahre Mauerfall

Erst wird Geschichte gemacht, dann beginnt die Arbeit

Hermann Rudolph blickt auf die rasanten 90er-Jahre

„Viel Verkehr an den Grenzposten“ titelt das „Neues Deutschland“ kurz nach dem Mauerfall. Das ist zumindest nicht falsch, zeugte aber auch von einer gewissen Verunsicherung. Das Parteiblatt muss auf einmal ohne Führung der SED eine Zeitung machen. Denn die hat, wie so viele in diesen unvergesslichen Monaten, die Orientierung verloren.

Hermann Rudolph, Herausgeber des „Tagesspiegel“, berichtet über ein Berlin, das sich immer nach der Einheit gesehnt hat und dann ziemlich überrascht war, als sie möglich wurde. Von der Zeit vom Fall der Mauer – „ein Ereignis, das ohne Vergleich ist“ – über die äußerst wacklige Hauptstadtentscheidung bis zum Umzug der Ministerien erzählt Rudolph. Geschichte, das lehrt sein Buch, ist auch immer ein Resultat von Zufällen, die wir erst im Nachhinein rationalisieren.

Das Ganze ist so kurzweilig dargelegt, dass man auch Berichte über das Zusammenwachsen der Behörden nicht überblättert. Nicht gut kommt die West-Berliner Linke weg: „Der Gedanke an die Wiedervereinigung ruft energische, ja hysterische Abwehr hervor“, schreibt Rudolph. Die Alternative Liste, einst eine extravagantere Veranstaltung als die heutigen gutbürgerlichen Grünen, ist stolz darauf, dass sie gegen die „Bonner Wiedervereinigungsgelüste“ (Senatorin Michaela Schreyer) Front macht.

„Wie kann die seit einem halben Jahrhundert geteilte und 28 Jahre durch Beton und Stacheldraht getrennte Stadt wieder zusammengefügt werden?“, das ist, so Rudolph, die Kernfrage. Es ist vor allem, wie man so sagt, ein mentales Problem. „Was war das für eine Einigkeit, als wir getrennt noch waren“, lästert das Ost-Berliner Kabarett Distel. Rudolph amüsiert sich über „die Wechselbäder von Berlin-Euphorie und Berlin-Bashing“ in den Folgejahren. Und er berichtet über die Rasanz der Entwicklungen, die einem heute ungeheuerlich vorkommen. Der Mauerfall ist ein Glücksfall der Geschichte, das verdeutlicht sein Buch, aber danach fing die Arbeit an. „Längst ist vergessen, dass die Stadt den neuen Anfang keineswegs nur als Erfüllung lebte, sondern auch als bedrückend ambivalent, als quälenden Zwiespalt zwischen Selbst- und Fremdbild“, schreibt der Autor, der dafür gesorgt hat, dass sich das Vergessen noch ein wenig verzögern wird.

Hermann Rudolph: Berlin – Wiedergeburt einer Stadt. Bastei Lübbe, 440 Seiten, 24,95 Euro