25 Jahre Mauerfall

Eine Kindheit im Osten, eine im Westen

Zwei Erinnerungen, die sich spiegeln: „Drüben und Drüben“

Wenn Jochen krank ist, darf er vormittags fernsehen. Leider fängt das Programm erst um zehn an. Davor schaut er eine halbe Stunde lang Testbild. Man weiß ja nie, was passiert. Der zentrale Platz seiner Kindheit ist der Fußballplatz. Im Radio hört er den „Treffpunkt“. Da erzählen sie, welche Bands am Abend in West-Berlin auftreten. Aus der Abendschau weiß Jochen: Bei den Konzerten wird Bier aus Dosen getrunken.

Was Jochen Schmidt, 1971 in Ost-Berlin geboren, in seinem neuen Buch „Drüben und Drüben“ erzählt, ist eine ganz normale deutsche Kindheit, beschrieben von jemand, der außergewöhnlich gut erzählen kann. Es sind unzählige, liebevoll gezeichnete Miniaturen. Schmidt ist ein Meister der leisen Ironie. „Gedanken an meinem Geburtstag lenkten vom Atomkrieg ab.“ Er nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch die Orte, an denen ein Junge groß wird: Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche. Schule, Auto. Hinter dieser Welt gibt es noch eine andere. Die, aus der die West-Pakete kommen, mit dem Pädagogenklassiker „Die letzten Kinder von Schewenborn“, mit Otto-Katalogen und Schokolade. Die Labels auf den T-Shirts der West-Verwandschaft beschäftigen Schmidt lange. „Fruit of the Loom. Was waren das für Botschaften aus dem Westen?“

Wenn man das Wendebuch wendet, dann ist die Westseite der Mauer oben auf dem Cover und David Wagner, geboren 1971 in Andernach, erzählt ebenso kunstvoll von seiner Kindheit in West-Deutschland. Von Feuerexperimenten im Garten, von Mädchen im Badeanzug, von Nudelauflauf und der Unlust, den Tisch zu decken. Auch er erzählt sich durch die Orte der Kindheit, die eine Geschichte ist als Spiegel der anderen angelegt. „Wohnzimmer, Ort der Niederlagen, denn nach den Nachrichten musste ich ins Bett.“ Botschaften aus dem anderen Deutschland sind rar. „Auf der Wetterkarte war unser Deutschland, die Bundesrepublik, das große Schnitzel, die DDR war nur ein kleines Schnitzel.“

Wer in den 70er-Jahren ein Kind war, der wird unendlich viel wiedererkennen in „Drüben und Drüben“. Mehr noch als ein historisches Werk aber, ist dieses Buch eine wundervolle Liebeserklärung an diese Jahre von Altklugheit und Entdeckerfreude, zwischen Langweile und großer Begeisterung.

Jochen Schmidt, David Wagner: Drüben und Drüben. Zwei deutsche Kindheiten. Rowohlt Verlag, 336 Seiten, 19,95 Euro